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Der "Prager Frühling" und die Reaktion Österreichs
Der "Prager Frühling"
Die militärische Intervention des Warschauer Paktes

Das politische Ideengut der Prager Reformbewegung musste von den verbündeten Staaten des Warschauer Paktes als unmittelbare Bedrohung empfunden werden, denn neben der großen Sorge eines Übergreifens der als "konterrevolutionär" gebrandmarkten Strömungen in die sozialistischen Nachbarstaaten der Tschechoslowakei(14), stand vor allem die Befürchtung im Raum, dass die CSSR aus dem wirtschaftlichen und militärischen Bündnis des Warschauer Paktes ausscheren könnte. Dies hätte das damalige politische und militärische Kräfteverhältnis in Europa grundlegend verändert, da die Tschechoslowakei durch ihre exponierte geostrategische Lage eine Schlüsselstellung im Verhältnis zwischen den beiden Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt einnahm. Ein Verlust der CSSR hätte eine gefährliche, bis an die Westgrenze der UdSSR reichende Lücke im östlichen Verteidigungssystem entstehen lassen.

Die Befürchtungen der Warschauer-Pakt-Staaten mögen auf den ersten Blick nicht unbegründet erscheinen, doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass sich die tschechoslowakische Führung stets zum Bündnis und zur engen Freundschaft mit der Sowjetunion und den übrigen "Bruderländern" bekannte. So äußerte der neugewählte tschechoslowakische Staatspräsident Ludvik Svoboda nach seiner Vereidigung am 30. März 1968 in seiner Ansprache vor der Nationalversammlung:

"Die CSSR wird ihren Bemühungen, die sie mit der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern verbinden, treu bleiben. Wir sehen in dem Bündnis mit diesen Ländern, deren Ziele die gleichen wie unsere sind, die Hauptgarantie für unsere Sicherheit."(15)

Und selbst das "Manifest der 2000 Worte", "nach damaliger sowjetischer Lesart die Inkarnation der Konterrevolution"(16), enthielt die nicht unwesentliche Aussage, "[…] und unseren Verbündeten können wir versichern, daß wir unsere Bündnis-, Freundschafts- und Wirtschaftsverträge einhalten werden."(17)

Dennoch war nicht nur in Moskau die Angst vor einem Ausscheren der CSSR aus dem östlichen Verteidigungsbündnis latent vorhanden und laut dem russischen Historiker Pichoja gab es lediglich hinsichtlich der anzuwendenden Mitteln Differenzen zwischen den einzelnen Politikern, um den Reformprozess in der Tschechoslowakei zu beenden.(18)

"Ein radikaler Flügel, zu dem der sowjetische Außenminister Gromyko […] gehörte, plädierte für eine sofortige militärische Invasion. Demgegenüber trat Ministerpräsident Kossygin für eine Wiederholung der Februarereignisse von 1948 ein, d.h. für einen Putsch mit vorwiegend eigenen tschechoslowakischen Kräften bei gleichzeitiger sowjetischer Rückendeckung. Die radikale Gruppe wurde von dem Tschechen Drahomir Kolder ('Schickt Truppen so bald wie möglich!') unterstützt. Eine alternative Position nahm Parteichef Breshnew ein, der eine nichtmilitärische Lösung befürwortete."(19)

Nach Meinungen heutiger russischer Forscher wies der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breshnew bereits am 20. März 1968 den Generalstab der Sowjetarmee an, einen Plan zur militärischen Besetzung der CSSR auszuarbeiten.(20) Dennoch war zu diesem Zeitpunkt eine politische Lösung keineswegs ausgeschlossen, zumal sich Breshnew selbst in häufigen, manchmal mehrere Stunden lang dauernden Ferngesprächen um eine Einigung mit Dubcek bemühte.

Ab Mai 1968 kam es zu den ersten, sich danach häufenden Konsultationen zwischen den Partei- und Staatsführungen von fünf der insgesamt acht Warschauer-Pakt-Staaten: UdSSR, DDR, Polen, Ungarn und Bulgarien. Neben der CSSR blieben die Vertragspartner Albanien, das 1961 die Beziehungen zur Sowjetunion abbrach und nur noch formell Mitglied des Warschauer Paktes war, und Rumänien – Staatschef Nicolae Ceausescu hatte im Vorfeld seine Sympathie für den tschechoslowakischen Reformprozess zum Ausdruck gebracht – von der "Gruppe der Fünf" bzw. den "Warschauer Fünf" ausgeschlossen.

Die tschechoslowakisch-sowjetischen Beziehungen spitzten sich insbesondere nach der Veröffentlichung des "Manifestes der 2000 Worte" Ende Juni 1968 zu und im Laufe des Monats Juli gingen die intensiven, höchst geheim gehaltenen Vorbereitungen für eine militärische Aktion unvermindert weiter. Trotz der defensiven Haltung Breshnews gewann der radikale Flügel von Befürwortern einer militärischen Lösung an Bedeutung. In den folgenden Tagen und Wochen setzte erneut eine verstärkte diplomatische Tätigkeit zwischen den Konfliktparteien ein, wobei der Druck auf die CSSR nicht zuletzt durch die gleichzeitig abgehaltenen Militärmanöver, die zum Teil auch auf tschechoslowakischem Gebiet stattfanden, erhöht wurde. Sowjetische Manövertruppen verließen dabei die CSSR erst mit mehrwöchiger Verspätung und nach zunehmenden tschechoslowakischen Protesten, was zu weiteren Irritationen im angespannten tschechoslowakisch-sowjetischen Verhältnis führte.(21)

Nachdem Ende Juli/Anfang August 1968 weitere diplomatische Bemühungen nicht zum gewünschten Ergebnis führten und Breshnew mit "neuen Maßnahmen" drohte – worauf Dubcek sogar seinen Rücktritt anbot, was Breshnew wiederum als "völlig unnötig" ablehnte – fiel am 17. August 1968 die endgültige Entscheidung für eine militärische Intervention.(22) Als Invasionstermin wurde in Abstimmung mit "gesunden" tschechoslowakischen Kräften die Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 festgelegt.(23) Was monatelang unter höchster Geheimhaltung bis ins kleinste Detail vorbereitet wurde, sollte nun umgesetzt werden: Eine militärische Intervention fünf verbündeter sozialistischer Staaten zur gewaltsamen Niederschlagung des "Prager Frühlings".

In den späten Abendstunden des 20. August 1968 nahmen sowjetische Fallschirmjäger den Prager Zivilflughafen Ruzyne in Besitz, um die bald darauf einsetzende Anlandung einer kompletten sowjetischen Luftlandedivision zu gewährleisten. Die Intervention hatte begonnen. Gegen 23:00 Uhr überschritten sowjetische, polnische, ungarische und bulgarische Interventionstruppen die Grenzen der Tschechoslowakei, wobei die Beteiligung von DDR-Armeeeinheiten bis zuletzt nicht zweifelsfrei geklärt und daher zum Gegenstand sehr heftig geführter Diskussionen wurde. Aus neueren Untersuchungen geht jedenfalls hervor, "dass weder deutsche noch tschechoslowakische Historiker die Anwesenheit höherer Militäreinheiten der DDR auf dem Gebiet der CSSR nach dem 21. August festgestellt haben."(24) Die von der DDR bereitgestelllten Verbände blieben in ihren Konzentrierungsräumen, wobei "jedoch Chronisten westböhmischer Städte und Gemeinden die Anwesenheit kleinerer deutscher Einheiten […] in über 50 Fällen registrierten."(25) Mittlerweile gilt eine Beteiligung kleinerer Einheiten der NVA (Nationale Volksarmee der DDR), insbesondere von Verbindungsoffizieren, die in sowjetische Truppenverbände eingebettet waren, als gesichert.(26) Wenn letztendlich die bereitgestellten NVA-Divisionen, aus welchen Gründen auch immer(27), nur in sehr bescheidenem Maße in die CSSR einrückten, so bleibt dennoch festzuhalten, dass sowohl die politische Führung, als auch das Armeekommando der DDR von Anfang an zu den radikalsten und militantesten Gegnern der Prager Reformbewegung zählten.

Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen vollzog sich in weniger als 24 Stunden und es ist in erster Linie der Prager Führung zu verdanken, dass die tschechoslowakische Armee in ihren Kasernen blieb und somit eine blutige Tragödie verhinderte. Nach wie vor gibt es über die Gesamtstärke der an der Intervention beteiligten Verbände nur sehr widersprüchliche Aussagen, allerdings kann man auf der Grundlage verschiedener Quellen davon ausgehen, dass sich ca. 25-30 Divisionen in einer Gesamtstärke von 250.000 - 450.000 Mann an der Besetzung der CSSR beteiligten – eine jedenfalls weitaus größere Streitmacht als die damalige Tschechoslowakische Volksarmee. Der überwiegende Teil der verbündeten Streitkräfte wurde von sowjetischen Truppenverbänden gestellt, wobei sämtliche militärisch wichtigen Aufgaben im Einflussbereich der Roten Armee lagen. Hier stellt sich die Frage, ob die Teilnahme Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR militärisch überhaupt von Bedeutung war. Sie ist wohl zu verneinen.

"Die Einbeziehung der Truppen der Mitgliedsländer des Warschauer Paktes diente in erster Linie einem politischen Zweck. […] Die Sowjetunion wollte den internationalen politischen Druck nach einer Besetzung nicht wieder alleine tragen [wie bei der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956] und deshalb die politische Verantwortung verteilen. Aus diesem Grund wurde z.B. – wenn auch nur mit einigen Offizieren – die Teilnahme der DDR benötigt. Auch diese wenigen Offiziere demonstrierten dem Westen die Geschlossenheit des Warschauer Paktes, wie damaligen westlichen Presseberichten zu entnehmen ist."(28)

Das westliche Verteidigungsbündnis NATO verhielt sich während der CSSR-Krise ruhig und zurückhaltend. Es ließen sich zu keinem Zeitpunkt militärische oder politische Maßnahmen feststellen, die eine Einmischung der NATO angedeutet hätten. Auf dem diplomatischen Parkett wurden schon im Vorfeld klare Signale ausgesendet, die eindeutig zu verstehen gaben, dass man die Vorfälle in der CSSR als eine "innere Angelegenheit" des sowjetischen Machtbereiches betrachtete. So äußerte Henry Kissinger, zum damaligen Zeitpunkt ein wichtiger Berater der US-Regierung, mehrmals, "daß alles zu unternehmen sei, um die Stabilität des Gleichgewichts in Europa nicht zu gefährden."(29) Und der bundesdeutsche Außenminister Willy Brandt bemerkte vielsagend, dass "wir Augenzeugen und Beobachter sind, nichts anderes."(30) So ist es auch zu verstehen, dass die sowjetische Führung keine militärischen Vorkehrungen für den Fall einer eventuellen Gegenaktion der NATO traf.

"Die Mehrheit der in Mitteleuropa stationierten sowjetischen Truppen […] wurden für die Besetzung der CSSR eingesetzt, ohne synchron Reserven aus der Tiefe heranzuführen."(31)

Während also die NATO außer den in solchen Fällen üblichen Routinemaßnahmen militärisch nichts unternahm und sich auf eine Verurteilung der Intervention beschränkte, wurden die Streitkräfte Rumäniens und Jugoslawiens mobilgemacht. Albanien zog seine eigenen Konsequenzen aus der Militäraktion des Warschauer Paktes und trat im September 1968 formell aus dem Verteidigungsbündnis aus, nachdem die Verbindung faktisch schon seit 1961 abgerissen war. Das neutrale Österreich versetzte einen Teil seiner Truppen in Gefechtsbereitschaft und sperrte die tschechoslowakische Grenze, aber näheres soll dem Kapitel, welches sich mit der Rolle und dem Verhalten Österreichs während der CSSR-Krise auseinandersetzt, überlassen bleiben. Für den tschechischen Historiker Bencik gilt es im Nachhinein als erwiesen, dass die Invasion primär auf Basis strategischer Überlegungen zustande kam. Die angebliche "Sorge" um die Erhaltung des sowjetischen Sozialismus-Modells diente nur als Deckmäntelchen für die wahren Motive der Militärs, nämlich der dauerhaften Präsenz sowjetischer Truppen auf tschechoslowakischem Territorium. Eine Forderung, der sich die Tschechoslowakei bis zum damaligen Zeitpunkt erfolgreich widersetzt hatte.(32)

Den in die CSSR einmarschierenden Warschauer-Pakt-Truppen schlug seitens der tschechoslowakischen Bevölkerung eine Welle der Ablehnung und Empörung entgegen.

"Vielerorts wurden spontan Wegweiser und Straßenschilder demontiert, um den ausländischen Militäreinheiten die Orientierung zu erschweren. […] Nicht selten lagen Bäume auf der Straße und blockierten den Weg der Marschkolonnen. Arbeiter, Angestellte und vor allem Jugendliche versuchten, die Besetzung wichtiger Knotenpunkte zu verhindern. […] In Hunderten von Flugblättern und Karikaturen brachten die Bürger ihr Unverständnis und ihren Zorn gegen die Besetzung ihres Landes zum Ausdruck. […] Lautsprecherwagen der sowjetischen Besatzer wurden durch Hupkonzerte und Pfiffe übertönt."(33)

Die Interventionstruppen, vor allem die einfachen Soldaten, standen einer solchen Reaktion der Tschechoslowaken ratlos gegenüber. Sie waren mit dem Auftrag in die CSSR geschickt worden, die tschechoslowakischen Verbündeten von den konterrevolutionären Kräften zu befreien, nun aber wurden sie nicht von jubelnden Volksmassen und Blumen begrüßt, sondern wütend beschimpft und teilweise heftig attackiert. In mehreren Fällen kam es auch aufgrund der Unerfahrenheit der jungen und unter großem Stress stehenden Soldaten zu blutigen Zusammenstößen, die zahlreiche Todesopfer unter der Zivilbevölkerung forderten. Die blutige Bilanz der militärischen Intervention vom 21. August bis zum 3. September 1968: 72 Tote und 266 Schwerverletzte.(34)
  ÜBERSICHT

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

DER "PRAGER FRÜHLING"
ALEXANDER DUBCEK UND DIE IDEE
VOM "SOZIALISMUS MIT
MENSCHLICHEM ANTLITZ"
DIE MILITÄRISCHE INTERVENTION
DES WARSCHAUER PAKTES

DAS ENDE DES "PRAGER
FRÜHLINGS" UND SEINE
AUSWIRKUNGEN


ÖSTERREICH UND DIE CSSR-KRISE
 
       
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