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| Die Alpenfestung Versuch einer Erklärung für die Fehleinschätzung der "Alpenfestung" |
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| Die fehlerhafte Deutung der Nachrichten über die "Alpenfestung" entbehrt in vielerlei Hinsicht nicht einer gewissen Ironie, war doch kaum ein Befehlshaber des Zweiten Weltkrieges um die Auswertung des von den Geheim- und Nachrichtendiensten bereitgestellten Materials eifriger bemüht als General Dwight D. Eisenhower. So galt etwa die Abteilung G-2 als Stiefkind der Armee, es fehlte an Geld und Personal, doch unter Eisenhower wurde der Heeresnachrichtendienst G-2 forciert und ausgebaut.(69) Der hauptsächliche Irrtum der Amerikaner lag letztlich darin, dass man den Deutschen noch zu einem Zeitpunkt, als man selbst bereits tief in Mitteleuropa stand, den einheitlichen Willen und die materiellen Möglichkeiten zugestand, eine "Alpenfestung" zu errichten. Eisenhower selbst hatte mit seinen erfolgreichen Operationen am Rhein und an der Ruhr die Hauptmasse der an der Westfront eingesetzten deutschen Truppen zerschlagen. Das Gros der noch kampffähigen deutschen Einheiten war nicht mehr aktionsfähig, konnte nur noch örtlich und gelegentlich einen organisierten Widerstand leisten, da man den Großteil der Artillerie schon westlich des Rheins verloren hatte, und war somit gar nicht mehr in der Lage, einen geordneten Rückzug in die "Alpenfestung" anzutreten. Darüber hinaus muss eine reale Verteidigungsmöglichkeit der "Alpenfestung", trotz einiger in den letzten Kriegsmonaten durchgeführten baulichen Maßnahmen, entschieden in Abrede gestellt werden. Die einzigen zur Abwehr eines alliierten Angriffes geeigneten Verteidigungsanlagen befanden sich im Süden, wo man sich über OSS-Bern ohnedies bereits seit Monaten in geheimen Verhandlungen über eine vorzeitige Kapitulation befand. Und ohne die Befestigungen der Südfront war das Alpengebiet militärisch nicht zu halten. Dennoch hielten es von amerikanischer Seite führende Personen und Nachrichtenoffiziere für wahrscheinlich, dass die Nazis versuchen könnten und versuchen würden, auf irgendeine Art und Weise den Kampf in den Alpen fortzusetzen. Nachdem man erst einmal zu dieser Auffassung gelangte, haben sich diverse G-2 Stäbe auf verschiedenen Ebenen gemeinsam darum bemüht, Bestätigungen für die Richtigkeit dieser Hypothese zu finden – was letztlich durch Meldungen über die Evakuierung verschiedener Regierungsstellen aus Berlin, über Absetzbewegungen von deutschen Truppen oder durch kraftvolle Tiraden von Naziführern, man werde bis zum letzten Mann kämpfen, der Fall war.(70) Wie ist nun die Rolle von OSS bei der Einschätzung der "Alpenfestung" zu beurteilen? Es zeigte sich insbesondere im Frühjahr 1945, dass "die geographische Nähe zum Deutschen Reich und die guten Drähte, die der Berner OSS-Chef [Allen Dulles] zu 'verläßlichen Informanten' unterhielt, eher zur Verwirrung als zur Aufklärung über die vermeintlich sagenhafte Festung der Deutschen beitrugen."(71) Während Allen Dulles seine neuesten Erkenntnisse meist umgehend nach Washington sandte und im Regelfall gar nicht in der Lage war, diese Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, versuchte etwa die Forschungsabteilung R&A des OSS-London sehr wohl, zwischen signifikanten und irrelevanten Meldungen zu unterscheiden. Während die Informationen Ende 1944 und Anfang 1945 noch relativ spärlich flossen, hatten die Experten von R&A in London und Washington ab Februar 1945 alle Hände voll zu tun, um den breiten Strom mehrdeutiger und oft widersprüchlicher Nachrichten zu bewältigen. Und gerade diese Fülle an Material führte mitunter dazu, dass die Analysen und Interpretationen von den realen Entwicklungen überholt wurden und ihre Gültigkeit verloren. Oder wie es der amerikanische Historiker Rodney G. Minott ausdrückte: "Eine bloße Anhäufung von Daten führt zu keiner Erkenntnis. Eine zu große Anhäufung erschwert die richtige Auswahl dessen, was als wertvoll zu gelten hat."(72) R&A ließ jedenfalls nichts unversucht, um dem Mythos "Alpenfestung" auf die Spur zu kommen. Neben Agenten- und Presseberichten sowie Befragungen deutscher Kriegsgefangener, wurde seit Anfang 1945 vermehrt auf die Luftaufklärung gesetzt und zahlreiche Luftbilder ausgewertet – ohne großen Erfolg. Man war bis zuletzt nicht in der Lage, den Mythos "Alpenfestung" richtig einzuschätzen. "In erster Linie war es jedoch eine Mischung aus Unsicherheit und Perfektionismus",(73) die ein eindeutiges Urteil verhinderte. Für die Mitarbeiter von R&A London wäre es mit Sicherheit von Vorteil gewesen, hätte man sie in das ULTRA-Geheimnis(74) des britischen Geheimdienstes eingeweiht. Damit wären wir bei einem weiteren Grund, warum es zu einer Fehleinschätzung der "Alpenfestung" gekommen sein könnte – mangelnde Kooperation. Während die Amerikaner häufig mit HUMINT und PHOTINT arbeiteten, setzten die Briten nahezu ausnahmslos auf SIGINT, was sich im Laufe des Krieges auch als ein überaus brauchbares Instrument erwies, um zahlreiche Meldungen als wertlos und irrelevant einzustufen. Alles in allem waren die Berichte der britischen Geheimdienste verlässlicher und sicherer im Urteil als die ihrer amerikanischen Kollegen,(75) zu einem definitiven Urteil reichte es jedoch auch bei den Briten nicht. Während die "Alpenfestung" und die Befürchtungen über einen erbitterten Guerillakrieg von aus dem Untergrund operierenden Nazieinheiten nicht nur Politiker und Militärs, sondern in zunehmenden Maße auch die breite Öffentlichkeit beunruhigten, hatten die Gerüchte für die Geheimdienste einen positiven Nebeneffekt, den insbesondere der Geheimdienstdirektor des OSS, William J. Donovan, systematisch auszunützen versuchte.(76) Nachdem Donovan bereits im September 1944 ein offenes Plädoyer für die Unentbehrlichkeit seiner Behörde veröffentlichte, kamen ihm die Berichte aus Europa über die Gefahr eines Naziuntergrunds und der berüchtigten "Alpenfestung" ausgesprochen gelegen. Diese Informationen wurden direkt an das Weiße Haus in Washington weitergeleitet und Donovan nutzte die Gelegenheit, um dem Präsidenten zu verstehen zu geben, dass OSS auch nach Beendigung des Krieges sinnvoll eingesetzt werden könne. "Unsere Services", so Donovan, "können für geheime Nachrichten, Gegenspionage und Maßnahmen gegen Feindsabotage benutzt werden".(77) Somit trugen der Mythos "Alpenfestung" und die Untergrundpläne der Nazis dazu bei, dass OSS seine Existenzberechtigung über das Ende des Krieges hinaus geltend machen konnte bzw. dass die Aktivitäten der Geheimdienste eine zusätzliche Legitimation erhielten. Unter diesem Gesichtspunkt kann man annehmen, dass OSS im Hinblick auf die Einschätzung der "Alpenfestung" mehr Staub als nötig aufwirbelte, was in weiterer Folge eher zur Verwirrung als zur Aufklärung der Geschehnisse rund um ein vermeintliches Alpenbollwerk beitrug. An dieser Stelle sollten auch die Thesen des Innsbrucker Historikers Thomas Albrich Beachtung finden, der eine Reihe von interessanten Fragen aufwarf: Warum sollte eine noch intakte Front in Italien, sollte eine "Alpenfestung" tatsächlich existieren, bereits seit dem Frühjahr 1945 Kapitulationsverhandlungen mit den Alliierten führen? Warum bombardierte die alliierte Luftwaffe im gesamten Alpengebiet 1944/45 ausschließlich Verkehrswege, aber keine Industrie- oder Verteidigungsanlagen, obwohl diese laufend aus der Luft fotografiert und identifiziert wurden? Warum wurde Nordtirol, der Kern einer "Alpenfestung", letztmals am 21. April 1945 angegriffen? Warum gab es bereits drei Tage vor der Unterzeichnung der Kapitulation der Südfront überhaupt keine Luftangriffe auf die "Alpenfestung" mehr? Laut Albrich deutet sehr viel darauf hin, dass General Eisenhower, als er Berlin ausklammerte und stattdessen gegen Süden vorstieß, bereits wusste, dass es keine "Alpenfestung" geben würde. Somit bleibt die Schlussfolgerung Albrichs: "Die Eroberung der angeblichen 'Alpenfestung' diente nur als Vorwand, den Vormarsch der Roten Armee so weit wie möglich im Osten Österreichs zu stoppen und diese vor allem nicht in die Nähe Italiens kommen zu lassen."(78) Wie dem auch sei, eines muss zur Verteidigung der alliierten Experten, Analytiker und Geheimdienstmitarbeiter des Zweiten Weltkrieges gesagt werden. Die Alliierten konnten sich zum damaligen Zeitpunkt auf keinen modernen historischen Präzedenzfall berufen, der ihnen zeigen hätte können, wie ein totalitärer Staat nach dem Muster Hitlerdeutschlands eventuell zusammenbrechen könnte. Die damaligen Experten waren zwar Zeugen des rasanten Aufstiegs Nazideutschlands oder der Sowjetunion, aber über die Art und Weise, wie der Untergang solcher Systeme von statten gehen könnte, gab es nur Mutmaßungen. Man betrat im Jahre 1945 Neuland, als man beobachtete, dass, sobald sich eine Diktatur, die mit eiserner Hand und brutaler Gewalt regierte, langsam auflöst, der Staatsapparat ohne großen Widerstand sehr schnell das gleiche Schicksal teilt.(79) Die Alliierten irrten sich demnach, als sie annahmen, dass nach über einem Jahrzehnt totalitärer Naziherrschaft und dem Einsatz intensivster Propagandamittel genügend Menschen bereit gewesen wären, an der Seite des Führers bzw. dessen Gefolgsleute weiterzukämpfen, wenn nötig auch im Untergrund. Das Gegenteil war der Fall, nach sechs harten und entbehrungsreichen Kriegsjahren, nach vielen Enttäuschungen und leeren, propagandistischen Worthülsen, wollte man nur noch eines: Friede! Und in dem Moment, als bekannt wurde, dass Hitler und sein Regime endgültig gestürzt waren, waren auch die Tage Nazideutschlands gezählt. Es gab keine fanatischen Zitadellen des Naziwiderstands, es gab keine bis zuletzt entschlossene Zivilbevölkerung hinter dem Nationalsozialismus und es gab letztlich auch keine "Alpenfestung". Der Mythos entpuppte sich als Trugbild. |
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