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| Die Alpenfestung Die Entstehung eines Mythos |
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| Als am 12. Februar 1944 US-General Dwight D. Eisenhower offiziell zum Oberbefehlshaber der alliierten Invasionsstreitkräfte ernannt wurde, einigte man sich auf folgende richtungsweisende Direktive: Landung auf dem europäischen Kontinent, nach Absicherung von geeigneten Häfen und Brückenköpfen einen auf breiter Front vorgetragenen Angriff bis ins Herz des Deutschen Reiches mit der völligen Zerschlagung der deutschen Wehrmacht.(1) Nachdem sich starke alliierte Truppenverbände bereits seit Sommer 1943 in Süditalien befanden und aufgrund des hartnäckigen und zähen deutschen Widerstandes nur langsam Richtung Norden voran kamen, gelang den Alliierten am 6. Juni 1944 die von langer Hand geplante Landung in der Normandie. Das erklärte Kriegsziel war die Einnahme von Berlin, denn man wollte, wie es Eisenhowers Stabschef, Lieutenant General Walter Bedell Smith, ausdrückte, "das Geschick Nazideutschlands durch die Eroberung der Reichshauptstadt besiegeln."(2) Als ein Ergebnis der sich für Deutschland immer weiter verschlechternden Kriegslage, sah sich Adolf Hitler schon 1943 gezwungen, zu einer starren Verteidigung überzugehen. Man sprach von einer "Festung Europa", die solange als Menschen- und Rohstoffbasis gesichert werden sollte, bis es wieder gelänge, die Initiative im Krieg zurückzugewinnen.(3) Konsequenterweise begann man diese Festung auszubauen, im Osten sollte der "Ostwall" entstehen, im Westen wurde der "Atlantikwall" errichtet und in Süditalien begegnete man den gelandeten alliierten Truppenverbänden mit starken eigenen Kräften. Wie wir heute wissen, musste eine Bastion dieser Festung nach der anderen aufgegeben werden, der "Ostwall" wurde von sowjetischen Armeen überrannt, noch ehe er fertiggestellt war, der "Atlantikwall" war nicht in der Lage, die alliierte Landung in der Normandie zu verhindern und in Italien musste man trotz größter Anstrengungen immer weiter nach Norden zurückweichen. Schon bald wurden daher sowohl auf alliierter, als auch auf deutscher Seite Überlegungen angestellt, wo es zu einem letzten großen Aufbäumen Nazideutschlands kommen könnte. Die Armeen von General Eisenhower befanden sich in stetigem Vormarsch und nachdem die deutsche Ardennenoffensive im Dezember 1944 nach anfänglichen Erfolgen gescheitert war, überschritten alliierte Streitkräfte am 7. März 1945 bei Remagen den Rhein. Damit hatten sich die westlichen Alliierten, ebenso wie die Sowjets nach ihrer erfolgreichen Winteroffensive im Jänner 1945, endgültig auf reichsdeutschem Gebiet festgesetzt. Die Eroberung Berlins rückte näher, doch Eisenhower revidierte das für selbstverständlich gehaltene Kriegsziel und verlagerte den Schwerpunkt seiner Operationen nach Süden. Berlin mochte zwar von politischer und psychologischer Bedeutung sein, doch es besaß keinen wesentlichen militärischen Wert mehr, so Eisenhower.(4) Die Schwerpunktverlagerung nach Süden ergab freilich gewisse Vorteile, da man einen für Berlin beträchtlichen Kräfteeinsatz vermeiden und statt dessen zügig und ohne hohe Verluste zu riskieren Positionen in Mitteldeutschland, Österreich und eventuell der Tschechoslowakei erreichen konnte. Es ist hier nicht der Ort, über die Richtigkeit der Entscheidung, Berlin auszuklammern, Überlegungen anzustellen, trotzdem soll daraufhin gewiesen werden, dass Eisenhowers Entschluss zu großen Irritationen und teils heftig ausgetragenen Kontroversen führte. Stalin, der Ende März durch ein Telegramm Eisenhowers von den neuen Kriegszielen der Westmächte in Kenntnis gesetzt wurde, vermutete allerlei dunkle Absichten dahinter und befürchtete, hintergangen zu werden, während die Proteste der Briten und diverse kritische Stimmen im eigenen Lager so weit gingen, dass man Eisenhower vorwarf, "Berlin den Sowjets auf einem silbernen Tablett zu überreichen."(5) Eisenhowers umstrittener Entschluss war zum damaligen Zeitpunkt wohl bereits von der Befürchtung beeinflusst, dass es den in die Defensive gedrängten deutschen Armeen gelingen könnte, sich in den Alpen neu zu formieren und dort unter Ausnutzung der natürlichen Gegebenheiten ein Bollwerk zu errichten, dessen Einnahme eine enorme Kraftanstrengung und einen hohen Blutzoll erfordern würde. Die These, dass der Glaube an eine in ihrer Existenz zwar nicht nachgewiesenen, aber dennoch im Bereich des möglichen liegenden "Alpenfestung" im Vordergrund für die militärische Entscheidung Eisenhowers stand, mag überzogen sein, in jedem Fall ist sie jedoch nicht gänzlich von der Hand zu weisen(6). Die Festung in den Alpen nahm zweifellos einen gewissen Stellenwert im strategischen Kalkül Eisenhowers ein. Das Konzept einer "Alpenfestung", "Kernfestung Alpen", "Alpine/National Reduit", "Alpine/National Redoubt" etc. – jede Bezeichnung kam irgendwann einmal vor – hatte mehrere Wurzeln.(7) Zum einen ist festzuhalten, dass gerade in der Phase des industriellen Aufbaus des Dritten Reiches vermehrt militärische Begriffe in wirtschaftliche Bereiche übernommen wurden. Schlagworte wie "Erzeugungsschlacht" oder "Industriefestung" hielten Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch und im Zuge des nach dem Anschluss Österreichs forcierten Neuaufbaus bzw. Ausbaus der österreichischen Industrie sprach man bald von der "Industriefestung Alpenland". Dabei wurden sowohl für die Lagerung von Material und Fertigfabrikaten, als auch für bestimmte Industriezweige Standorte gesucht, die zumindest einen relativen Luftschutz boten. Das Konzept einer "Alpenfestung" war damit keineswegs vorhanden, wurde aber zumindest angedacht bzw. wurden erste dahingehende Schritte in die Wege geleitet. Dies zeigt sich deutlicher an Initiativen, die in Tirol festzumachen sind. Weite Kreise der Tiroler Bevölkerung, allen voran Gauleiter Franz Hofer, hegten großes Misstrauen gegenüber dem mit dem Deutschen Reich verbündeten Italien und waren äußerst skeptisch, was die Bündnistreue des südlichen Nachbarn anging. Das Jahr 1918 war den Tirolern noch in allzu schmerzlicher Erinnerung. In Tirol wurden daher von der Gauleitung bereits in den ersten Kriegsjahren Vorbereitungen getroffen, die einer möglichen Verteidigung des Alpenraums dienen sollten. Es wurde nicht nur Munition eingelagert, sondern auch an eine Reaktivierung alter Befestigungsanlagen des Ersten Weltkrieges gedacht. Überlegungen, die jedoch im militärstrategisch offensiv ausgerichteten Berlin (noch) auf breite Ablehnung stießen. Nachdem wir im Deutschen Reich nicht von der konkreten Absicht einer zu errichtenden "Alpenfestung" sprechen können, bleibt die Frage nach dem Ursprung dieses Konzeptes unbeantwortet, sofern man dessen Wurzeln ausschließlich im Dritten Reich selbst sucht. Der Begriff "Alpenfestung" bzw. "Réduit" wurde nämlich in ganz entscheidendem Maße in der Schweiz geprägt. Nach der Kapitulation Frankreichs im Jahre 1940 sah man sich in der Schweiz zunehmend von den Achsenmächten Deutschland und Italien militärisch bedroht. Dies führte dazu, dass unter General Henri Guisan, dem Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, zwischen 1940 und 1942 enorme Anstrengungen zum Bau eines gigantischen Projekts der schweizerischen Landesverteidigung unternommen wurden. In relativ kurzer Zeit entstand ein "Réduit National" mit massiven Befestigungsanlagen, Bunker- und Stollensystemen in den zentralen Alpenkantonen der Schweiz, in das man sich im Falle eines Angriffes zurückziehen hätte können.(8) Die Tauglichkeit und Wirksamkeit dieses Réduits wurde bekanntlich nie erprobt, aber der Wert lag ohnehin in der militärischen Abschreckung dieses stark befestigten Alpenbollwerks. Nachdem mit Fortdauer des Krieges und der sich für Nazideutschland stetig verschlechternden Kriegslage immer häufiger die Frage auftauchte, wo es zur letzten deutschen Verteidigungsstellung kommen würde, ist es nicht verwunderlich, dass gerade in der Schweiz vermehrt Überlegungen angestellt wurden, dass dies in den Alpen der Fall sein könnte. Boten sich doch gerade für die eidgenössischen Beobachter die Alpen als ideales Rückzugsgebiet an. Vor allem die Schweizer Presse veröffentlichte zahlreiche Artikel, aus denen man ab Juli 1944 entnehmen konnte, dass nicht nur die Schweizer Öffentlichkeit, sondern in verstärktem Maße auch die Alliierten sich zunehmend mit dem Gedanken einer deutschen "Alpenfestung" auseinanderzusetzen begannen.(9) Bis zum Herbst 1944 entwickelte sich in der Schweiz durch zahlreiche Meldungen und Zeitungsartikel eine regelrechte "Réduit-Hysterie". "Es hieß, der Krieg würde um beträchtliche Zeit verlängert; man müßte diesen Raum beim Vorgehen aus dem Westen wie aus dem Osten zunächst aussparen; wenn das Reduit je gestürmt werden müßte, so würde das sehr hohe Opfer an Menschen und Material fordern. Außerdem sei es möglich, daß sich in dieser Zeit die bestehenden Differenzen innerhalb der Alliierten verschärfen würden und somit für einen endgültigen Sieg gewisse Zweifel bestünden."(10) Zusätzlich tauchten regelmäßig Spekulationen über einen möglichen Guerillakrieg fanatischer Nazis auf, mit dem man nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands zu rechnen habe. Dass ein solcher Guerillakrieg am ehesten im unwegsamen alpinen Gelände Aussicht auf Erfolg hätte, lag dabei auf der Hand. Dem Schlagwort "Alpenfestung" wurde jedenfalls Leben eingehaucht, der Mythos wurde zur ernstzunehmenden Gefahr. Verschiedene alliierte Kreise zeigten sich beunruhigt, führende Militärs forderten Fakten. Herauszufinden, ob es sich bei der "Alpenfestung" um Realität oder um ein Phantom handelte, das war die Aufgabe der alliierten Geheimdienste. |
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