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| Die Alpenfestung Deutsche Maßnahmen zur Errichtung einer "Kernfestung Alpen" |
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| Schon im September 1943 gab es auf deutscher Seite Überlegungen, das Alpengebiet zu einem Sperrriegel gegen die sich in Süditalien befindlichen Alliierten auszubauen. Vor allem Generalfeldmarschall Erwin Rommel war ein Befürworter dessen, dass der entscheidende Widerstand erst in den Alpen einsetzen sollte. Da man sich aber entschied, den alliierten Verbänden weit im Süden zu begegnen, wurde die Idee bald wieder verworfen. Erst als Mitte 1944 die Front immer näher rückte, wurde mit dem Ausbau der so genannten "Voralpenstellung", die sich über 400 km von der Schweiz bis nach Istrien erstrecken sollte, begonnen.(47) Die militärische Aktivität Deutschlands im südlichen Alpenraum wurde in alliierten Kreisen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und letztlich "eines der tragendsten Argumente jener […], die an die Existenz oder an Planungen für ein 'Reduit' […] glaubten."(48) Als im Sommer 1944, vor allem in der Schweiz, verschiedenste Berichte über eine "Alpenfestung" in Umlauf gebracht wurden, waren deutsche Agenten und Verbindungsmänner bereits alarmiert. Wenig später fiel ein bedeutender diplomatischer Bericht aus der Schweiz, der sich mit dem Aspekt eines Réduits beschäftigte, in deutsche Hände und über einen SD-Verbindungsmann gelangte dieser Bericht über die SD-Außenstelle Bregenz in das Amt VI (Auslands-nachrichten) des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in Berlin.(49) Durch Vermittlung des zuständigen SD-Abschnittsführers Gontard wurde dieser Bericht auch dem Gauleiter von Tirol-Vorarlberg, Franz Hofer, bekannt.(50) Dieser war über die alliierten Befürchtungen einer "Alpenfestung" erstaunt, war doch bis zum Herbst 1944 nur in Italien an Stellungen gebaut worden, die sich für die Verteidigung des Alpenraums eignen würden. An ein umfassendes Réduit im alliierten Sinne war gar nicht gedacht, doch die Idee hatte in Hofers Augen durchaus etwas für sich und so wartete er die Reaktion Berlins ab.(51) In Berlin geschah aber vorerst nichts und Hofer, "der darüber informiert war, dass amerikanische Diplomaten in Bern die Frage eines 'Alpen-Reduits' heftig diskutierten und das Washingtoner State Department darüber auf dem Laufenden hielten",(52) wurde zunehmend unruhig. Weitere Nachrichten, die der SD in Erfahrung bringen konnte, sprachen sogar davon, dass die Amerikaner zögern würden, gegen ein stark befestigtes "Alpen-Réduit" vorzugehen und eher eine Belagerung oder Abspaltung des Réduits vom übrigen Reich in Betracht ziehen würden. In den Ohren Franz Hofers mussten diese Nachrichten wie Musik klingen, bot doch das von den Amerikanern diskutierte Konzept einer "Alpenfestung" die einmalige Chance einer Bewahrung seines Gaus.(53) Kein Wunder also, dass Hofer, der mächtigste Mann in Tirol und Vorarlberg, von da an alle Hebel in Bewegung setzte, um den Ausbau einer derartigen Festung in die Wege zu leiten. Am 6. November 1944, aus Berlin lag noch immer keine Reaktion auf den SD-Bericht des Sommers vor, sandte Hofer ein Memorandum an Reichsleiter Martin Bormann, mit der Bitte, es unverzüglich Hitler vorzulegen. Darin hieß es unter anderem: "Meine dringende Bitte ist, sofort zu befehlen, daß eine 'Alpen-Festung' – im Sinne des aus der Schweiz eingelangten Berichtes über ein 'Alpen-Reduit' – mit dem Einsatz aller Mittel raschest errichtet und entsprechend versorgt wird! Sieht der Bericht die militärische Entwicklung für das Jahr 1945 richtig, so wird die Schaffung einer 'Alpen-Festung' nicht nur zu einer militärischen Notwendigkeit, sondern stellt wohl eine einzigartige Möglichkeit dar, um bei geschickter und rascher Auswertung überhaupt noch in ein diplomatisches Gespräch zu kommen. Sieht der Bericht die militärische Entwicklung aber falsch, so wird die Schaffung einer 'Alpen-Festung' und ihrer unterirdischen Fabrikationsstätten, Material- und Lebensmittellager, vor allem aber das Gefühl 'Noch immer ein Eisen im Feuer zu haben' sich zweifellos für die Weiterführung des Kampfes nur günstig auswirken. Umfassende Befehle und Vollmachten sind aber nötig, um bei den Schwierigkeiten eines 6. Kriegsjahres und in der kurzen noch zur Verfügung stehenden Zeit, die Errichtung einer 'Alpen-Festung' in einer derartigen Form vorwärts zu treiben, daß sie auch tatsächlich für den Gegner sichtbar zu dem von ihm befürchteten Bollwerk in den Alpen wird, von dem es in der USA-Meldung heißt: 'dessen Niederkämpfung 6 bis 8 Monate länger brauchen würde, als die der übrigen Gebiete und ein Mehrfaches an Toten und Verwundeten verursachen würde, die der bisherige Kampf in Europa die Amerikaner gekostet hat, so daß kein Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen in Europa, angesichts der zu erwartenden unverhältnismäßig großen Verluste den Kampf um das 'Alpen-Reduit' verantworten, sondern diesen kleinen Raum 'aussparen' würde, so daß dann dieser Raum die Möglichkeit eines Abwartens bis zu zwei Jahren bietet.' Nur dann kann der erhoffte Erfolg eintreten! Halbe Maßnahmen aber würden den Verlust des ganzen Aufwandes an Material, Arbeitskraft und Geld bedeuten, denn der Gegner würde dann sich nicht nur zu keinem Gespräch bereitfinden, sondern es würde auch im Ernstfall eine derartige Anlage wertlos sein!"(54) Zur Absicherung seines Vorhabens stellte Gauleiter Hofer noch eine Reihe weitreichender Forderungen: Erklärung des Alpenraums zum "Sperrgebiet", Bevorratung mit Lebensmitteln und lebenswichtigen Gütern auf lange Zeit, Sicherung des Rüstungspotentials, Errichtung von Waffen- und Munitionslagern, Verlegung von 30.000 amerikanischen und britischen Kriegsgefangenen in den Alpenraum (möglichst nur Offiziere), Ausweitung seiner Befehlsgewalt, Abberufung des Reichsaußenministers von Ribbentrop, um möglichst rasch diplomatische Gespräche aufnehmen zu können, und eine Rückkehr der Süd-Armee auf die südliche "Alpenstellung".(55) Doch Hofer, der zunächst alle zwei Wochen und mit Beginn des Jahres 1945 wöchentlich eine Antwort aus Berlin erbat, wartete vergebens, denn Bormann hielt seine "Führervorlage" zurück. Er hielt es im Hinblick auf die damalige militärische Lage wohl noch als verfrüht, gegenüber Hitler von einer letzten Verteidigung in den Alpen zu sprechen. Erst als amerikanische Truppen im März 1945 den Rhein überschritten und Bormann erfuhr, "daß Hitler durch den deutschen Geheimdienst über die Befürchtungen der Alliierten bezüglich einer Alpenfestung unterrichtet worden war, so daß das Thema sozusagen als hoffähig gelten konnte",(56) legte er Hofers Vorschlag Hitler vor. Am 9. April 1945 erhielt der Gauleiter von Tirol-Vorarlberg die Weisung, nach Berlin zu kommen, um zur Frage der "Alpenfestung" Stellung zu nehmen. Hätte man im Sommer und Herbst 1944, bei einer realen Einschätzung der deutschen Möglichkeiten, eventuell noch die Chance auf eine Realisierung, zumindest von Teilen des Projektes, gehabt, so besprach man im April 1945 allerdings nur noch eine Illusion.(57) Gauleiter Hofer hatte in der Zwischenzeit aber ohne Führerbefehl an der Umsetzung seines Vorhabens gearbeitet, wenngleich ohne ausdrücklichen Befehl Hitlers an einen umfassenden Ausbau der Alpen nicht zu denken war. Dennoch gab es bis Ende März 1945 zumindest im Süden und im Westen – seit Jänner 1945 wurde auf Weisung Hofers auch in Vorarlberg gebaut – deutliche Anzeichen für Stellungsbauten, wobei vieles davon bis Kriegsende nur unvollendetes Stückwerk blieb. Im Norden war hingegen überhaupt nichts geschehen, jedoch begann man Anfang April 1945 an der Nordgrenze von Tirol und Vorarlberg sämtliche Straßen, Wege und Pässe gegen Panzer zu sperren. Auch die Ostgrenze Tirols wurde in diesen Sperrplan miteinbezogen, standen doch die Sowjets bereits in der Steiermark und westlich von Wien.(58) Am 11. und 12. April 1945 weilte Gauleiter Hofer in Berlin und besprach mit Hitler das Konzept einer "Alpenfestung". Angesichts der bis dahin tatsächlich durchgeführten Verteidigungsmaßnahmen war Hofer wohl bewusst, dass an eine Festung im eigentlichen Sinne nicht mehr zu denken war, zumal er darüber Bescheid wusste, dass in der Schweiz bereits seit längerem Geheimverhandlungen mit den Alliierten stattfanden, die eine Kapitulation der deutschen Südfront zum Ziel hatten.(59) Damit wäre die gesamte, mittlerweile gut befestigte, südliche Flanke weggebrochen und jegliche Weiterführung des Kampfes aussichtslos geworden. Hofer jedenfalls versuchte Hitler weiterhin von der Notwendigkeit einer "Alpenfestung" zu überzeugen, ging es ihm doch in erster Linie um die Sicherung und Versorgung seines Gaus. Und Hofer hatte Erfolg. Hitler willigte am 12. April 1945 in die Erkundung und den Ausbau der "Kernfestung Alpen" ein.(60) Damit konnte zum ersten Mal, während bisher alle Maßnahmen auf die Eigeninitiative Hofers zurückzuführen waren, offiziell von der "Alpenfestung" gesprochen werden. Und das Vorhaben wurde, nachdem niemand mehr an eine Realisierbarkeit glaubte, mit einer Gründlichkeit in Angriff genommen, als ob man noch eine halbe Ewigkeit zur Verfügung gehabt hätte. Am 28. April 1945, zwei Tage vor Hitlers Selbstmord, wurde der Erkundungs- und Ausbaubefehl für die "Kernfestung Alpen" erteilt.(61) Die Begrenzung wurde wie folgt festgelegt: Füssen, Allgäuer Alpen, Valluga, Arlberg, Nauders, Stilfser Joch, Ortler, Adamello, nördlich Gardasee, Feltre, Karfreit, Karawanken, Unterdrauburg, "Gunther"-Stellung, Leoben, Dürrenstein, Waidhofen a. d. Ybbs, Steyr, Brückenkopf Salzburg, Tegernsee, Murnau. Zum Schutz der Industrieanlagen von Linz und Steyr sollte eine Vorstellung auf der Linie Dürrenstein, Amstetten, Donau bis westlich von Linz und Hausruck ausgebaut werden. ![]() Grafik aus: Rauchensteiner: Die "Alpenfestung", S. 240 Zu dem Zeitpunkt, da dieser Führerbefehl erlassen wurde, glaubte nicht einmal mehr Adolf Hitler selbst an die Realisierbarkeit der "Alpenfestung". Hitler, der es bis zuletzt ablehnte, Berlin zu verlassen, äußerte sich dazu folgendermaßen: "[...] eines weiß ich: Es ist völlig zwecklos, im Süden zu sitzen, weil ich dort keinen Einfluß und keine Armee habe. Ich wäre dort nur mit meinem Stabe. Einen süddeutsch-ostmärkischen Gebirgsblock könnte ich nur halten, wenn auch Italien als Kriegsschauplatz behauptet werden könnte. Aber auch dort herrscht ein völliger Defätismus bei der Führung, die von oben herunter zerfressen ist [...]."(62) Im alliierten Hauptquartier war man im April 1945 noch immer uneins, inwieweit man den eigenen Geheimdienstberichten über das Vorhandensein eines deutschen Réduits glauben konnte. Immerhin drängte Eisenhower noch Mitte April darauf, den Sieg nicht unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches öffentlich zu proklamieren, "da die Erstürmung der Zitadellen des Naziwiderstands sehr wohl noch Taten der Ausdauer und Heldenhaftigkeit verlangen mochten, die einzig mit den Hauptschlachten des Krieges vergleichbar seien."(63) Der alliierte Sieg sollte demnach erst nach der Besetzung von Schlüsselpositionen des Alpenraumes verkündet werden. Im Falle einer tatsächlichen Existenz der "Alpenfestung", blieb immer noch die Möglichkeit, sie auszusparen und zu umgehen, doch Eisenhowers Chief of Intelligence, Major General Sir W. D. Strong, sprach sich entschieden dagegen aus, da er meinte, "daß durch eine ungeknackte Alpenfestung der Mythos entstehen könnte, der Nationalsozialismus und die deutsche Nation hätten niemals kapituliert."(64) Dieser Einschätzung wurde anscheinend Bedeutung beigemessen, denn man entschloss sich, den Sturm auf die "Alpenfestung" – wie auch immer sie letztlich aussehen möge – zu beginnen. |
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