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Die Alpenfestung
Der Zusammenbruch
In nahezu allen Bereichen der "Alpenfestung" begann Ende April 1945 das Chaos um sich zu greifen. Befehle wurden erteilt und wieder zurückgenommen, Kommandostellen wurden umbesetzt und Kompetenzen überschritten. Gauleiter Franz Hofer hielt aber auch in dieser turbulenten Phase am Konzept der "Alpenfestung" fest und unternahm alles, "um seinen Gau als 'Sperrgebiet' für Bombenflüchtlinge und Evakuierte aus 'feindbedrohten' Gebieten abzuriegeln und jeden 'unnötigen Esser' am Zuzug zu hindern."(65) Seit dem 20. April 1945 trafen die erschöpften Reste der deutschen 1. und 19. Armee auf ihrem Rückzug in Tirol ein. Diese sollten, zusammen mit ein paar bunt zusammengewürfelten Tiroler Standschützen und HJ-Einheiten, die militärische Verteidigung der "Alpenfestung" übernehmen. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Die Vorstellungen, die man sich auf alliierter Seite vom Réduit machte, waren in den letzten Kriegswochen deutlich nach unten revidiert worden, doch gänzlich konnten die Zweifel bis zuletzt nicht überwunden werden. Insbesondere das Schweizer Geheimdienstbüro Hausamann interpretierte weiterhin jegliche noch so kleine Aktivität im Alpenraum als Maßnahme zum Ausbau der "Alpenfestung": In ganz Tirol und Vorarlberg seien unterirdische Nahrungsmittel- und Munitionsdepots angelegt worden, Unterkünfte für rund 300.000 Soldaten stünden bereit, insgesamt könnte sich eine Million Soldaten über längere Zeit im Réduit verteidigen und so den Krieg ins Unabsehbare verlängern. Im Zillertal wären 300 Flugzeuge einsatzbereit, im Großen Walsertal seien Startanlagen für V-Waffen in Bau und zwischen Jenbach und Schwaz seien aus der Luft unangreifbare Montage- und Reparaturhallen für Flugzeuge in Betrieb genommen worden. Seit Mitte April würden zudem täglich Transportflugzeuge im Raum Jenbach-Schwaz landen, die "bestblütige" deutsche Knaben und Mädchen von HJ und BDM (Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädchen) heranbringen würden, um dem deutschen Volke einen "artreinen" Stock von Menschen zu erhalten.(66) Faktum war, dass anstelle von Tausenden Elitesoldaten und hochmodernem Kriegsgerät, Tausende Flüchtlinge – vorwiegend aus Ostösterreich – ins Land strömten.

Als die alliierten Streitkräfte zum Sturm auf die "Alpenfestung" ansetzten, behinderte sie weniger der deutsche Widerstand, als vielmehr die eigenen Probleme eines allzu schnellen motorisierten Vormarsches, gesprengte Brücken und Schneefall. Dennoch ging es Schlag auf Schlag. Am 28. April 1945, an jenem Tag, als Hitler den Befehl zum Ausbau der "Alpenfestung" erteilt hatte, überschritten bereits die ersten amerikanischen Soldaten die Tiroler Nordgrenze bei Vils im Außerfern. Am 29. April 1945 gab die deutsche Wehrmacht in Italien bekannt, dass man in Verhandlungen mit den Alliierten stünde und noch am selben Tag wurde die Kapitulation unterzeichnet, die mit 2. Mai 1945 in Kraft treten sollte. Damit war die Südflanke der "Alpenfestung" und des gesamten Deutschen Reiches zusammengebrochen und der Krieg in Italien beendet. Am 1. Mai 1945, einen Tag nach Hitlers Selbstmord, setzten US-Streitkräfte zum Durchbruch bei Scharnitz an und am 2. Mai 1945, am Tag der Kapitulation Berlins, konnten die Kämpfe am Fernpass beendet und die Zugänge nach Innsbruck gesichert werden. Kurz darauf erfolgte, mitten im Herzen der "Alpenfestung", die Vereinigung der aus Deutschland und Italien kommenden alliierten Streitkräfte und am Abend des 3. Mai 1945 marschierten amerikanische Verbände kampflos in Innsbruck ein.(67) Der Begriff "Alpenfestung" geisterte dennoch herum, denn die deutsche Wehrmacht gab für fast alle im Alpenraum herumirrenden und teilweise noch kämpfenden Splittergruppen den Befehl aus: "Absetzen in die Alpenfestung!", ehe nur Stunden später der Befehl zur Einstellung der Kampfhandlungen erteilt wurde.(68)

Obwohl die letzten Kriegstage noch zahlreiche sinnlose Opfer forderten, fand der von den Alliierten so gefürchtete Kampf um die "Alpenfestung" nicht statt. Die Eroberung dieses Bollwerks, von der namhafte Geheimdienstexperten, Militärs und Journalisten behaupteten, sie könnte Monate oder sogar Jahre dauern, war in wenigen Tagen durchgeführt worden und fand ein kurzes und undramatisches Ende. Bleibt die Frage: Wie konnte es zu einer Fehleinschätzung dieser Größenordnung kommen? Weshalb glaubte man in Geheimdienstkreisen bis zuletzt an die Existenz einer deutschen "Alpenfestung"? Ein Erklärungsversuch soll im letzten Kapitel dieser Arbeit unternommen werden.
  ÜBERSICHT

INHALTSVERZEICHNIS

DEUTSCHE MASSNAHMEN
ZUR ERRICHTUNG EINER
"KERNFESTUNG ALPEN"

DER ZUSAMMENBRUCH

VERSUCH EINER ERKLÄRUNG FÜR
FEHLEINSCHÄTZUNG DER
"ALPENFESTUNG"
 
 
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