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Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Geheimdienste und Widerstand
      OSS

Wie schon im Ersten war die Schweiz auch im Zweiten Weltkrieg ein idealer Stützpunkt für Geheimdienstoperationen. Eingeschlossen von den Achsenmächten war sie natürlich „chiefly of use to the Allies since Switzerland opened no doors to the outside world for the the surrounding Axis forces“.(122) Oder wie Donovan gegenüber Präsident Roosevelt argumentierte: “Switzerland is now, as it was in the last war, the one most advantageous place for the obtaining of information concerning the European Axis powers.”(123) Allen W. Dulles war einer derjenigen, der diese Möglichkeiten vielleicht tiefergehend zu nutzen wusste als andere um seine Aufgabe, den Widerstand gegen Hitler auszumachen und zu unterstützen, zu erfüllen. Diese Zielsetzung wurde durch die offizielle amerikanische „unconditional surrender Politik“, die seit Casablanca verfolgt wurde, aber nicht forciert sondern im Gegenteil erschwert, da die meisten Mitglieder des deutschen Widerstands ihr Land nicht bedingungslos dem „Feind“ preisgeben wollten. Vielmehr hofften viele, die Westmächte dazu bringen zu können, sich gemeinsam mit Deutschland gegen die Kommunisten, also Russland, zu stellen.(124) Da Dulles als „unversöhnlicher Feind des Bolschewismus“ galt, war man geneigt, sich an ihn zu wenden.(125)

Er sah sich also mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert seinen Auftrag, Kontakte aufzubauen, zu erfüllen ohne diesen dann die nötige und vor allem erwartete Hilfe bieten zu dürfen. Daher sah er wohl „die alliierte Politik, die auf eine bedingungslose Kapitulation der Deutschen abzielte, als Fehler“.(126) So beschreibt er auch in Germany`s Underground im Zusammenhang mit den Aktivitäten der „Breaker“, dass diese in ihren Versuchen ein neues Deutschland aufzubauen zwar primär bei den Westmächten um Hilfe suchten, allerdings „often with a veiled threat that if we refused to hold out any hope to them they would have no choice but to throw themselves into the arms of Russia“.(127)

Ähnliches berichtete er auch im Februar 1944 in der Radiotelephone Transmission No. 89 über die allgemeine Situation in Deutschland: „We in the West have as yet failed to understand the social and spiritual factors which are playing a vital part in determining the trend of events in Europe today. As a result it is Russia rather than the Western powers which is tending to dominate the scene, not only because of its military victories but on account of the growing belief in many parts of Europe, particulary where Russia is little known, that the common man will fare better in a Europe under Russian than under Western influence.”(128) Diese Befürchtung, dass Deutschland sich Russland zu- und von den Westmächten abwenden könnte, war eine wichtige Motivation für Dulles Handeln. Wie besorgt er über diese Möglichkeit war, zeigt schon alleine die Tatsache, dass er seine Vorgesetzten immer wieder davor warnte. So heißt es zum Beispiel im Telegram 314 vom 14 Jänner 1943 von „Burns“, also von Dulles, dass „the orientation toward the east is brought about by a belief that fraternization is not possible between the present Governments, but is possible between the German and the Russian peoples”.(129) Seine Befürchtungen wurden auch durch verschiedene Berichte von Kontaktpersonen aus Deutschland verstärkt. So berichtete ihm sein Kontakt 515, Maximilian Egon Hohenlohe von Lagensberg, Anfang August 1943, dass „he is convinced, from conversations with high quarters, that Germany will, in a final desperate effort, try to come to terms with the USSR and will give the latter virtually anything asked”.(130) Im September des gleichen Jahres berichtete Dulles dann auch, dass auch „the Gestapo tends to favor the Eastern solution“.(131) Auch über Hitler selbst wurde ihm berichtet, dass „rather than surrender to Western Powers, Hitler would turn to Bolshevism“.(132) Anfang 1944 berichtete er nochmals von „an increase in strength of groups who would rather surrender to the Russians than the Anglo-Saxons, when the crash comes”.(133) Am 24. Juli, nach dem fehlgeschlagenen Putsch, wurde er dann noch deutlicher: „[...], the recent appeals of the committee, Freies Deutschland, to the German people, especially to the German soldiers and workers are outstanding examples. Up to now, we have had nothing effective to offer.”(134) Auch berichtete er immer wieder deutlich von der östlichen Orientierung wichtiger Elemente der Verschwörung vom Putschversuch vom 20. Juli. Nur acht Tage nach dem Attentat hieß es in einem seiner Telegramme: „Nine months ago the eastern opposition generals and those in the west who were behind the uprising on the 20th of this month ceased all efforts for negotiation. The leaders in the east […] will try to bring about a peace with the USSR after German defeat is a certainty”.(135)

Trotz aller Umstände gelang es Dulles schon rasch nach seiner Ankunft in der Schweiz ein weitgestreutes Netzwerk aufzubauen. Sein Assistent Gero von Schulze-Gaevernitz, dessen Vater Dulles noch aus dem Ersten Weltkrieg kannte, verfügte über extrem gute Verbindungen nach Deutschland, die Dulles nützlich sein sollten.(136) Über diese Kontakte berichtete Dulles im März 1944: „[...] the contacts 476 [Gaevernitz] has established for me are diverse and include especially contacts with Social Democrats and even Communists“.(137) Der Secret War Report of the OSS, der auch als Grundlage für dieses Kapitel dienen soll, spricht von diversen Kontakten ins Reich, wobei zwischen Deutschland und Österreich unterschieden wird. Für Deutschland werden der Kontakt zum Auswärtigen Amt über „Wood“, der Kontakt zur Abwehr über Gisevius, Kontakte zur Industrie und zum Kreisauer Kreis genannt. Für Österreich wird der Fokus im War Report vor allem auf „Oysters“; „K-28“, also Fritz Molden, und einen nicht namentlich genannten österreichischen Industriellen gelegt.(138)

Wichtig waren aber auch die guten Beziehungen, die Dulles innerhalb der Schweiz selbst knüpfte, vor allem mit Mitgliedern des schweizerischen Geheimdienstes.(139) Diese mündeten unter anderem in den gemeinsamen Bemühungen in der Operation Sunrise. Aber auch schon vorher waren „Nachrichten über deutsche Truppenbewegungen regelmäßig ausgetauscht worden“.(140) Auch traf er sich mehrfach mit den sozialdemokratischen Nationalräten Walter Bringolf und Hans Oprecht.(141) Das Bahnpersonal der Strecke Genf-Annemasse-Annecy half OSS einen unregelmäßigen Kurierdienst aufrechtzuerhalten. Außerdem gestatteten die Schweizer Dulles das Gesandtschaftspersonal mit notgelandeten Air-Force-Funkern zu verstärken, da die anfallende Arbeit sonst nicht hätte erledigt werden können. Ende 1944 konnte OSS darüber hinaus mit schweizerischen Stillschweigen eine eigene geheime Funkstation in Betrieb nehmen.(142) Ebenfalls hilfreich erwies sich der Umstand, dass die Post in Bern eine geheime Vorrichtung in die transatlantische Telefonleitung einbaute, die „das Gesprochene so entstellte, dass niemand die Botschaften auf dem Weg zum Empfänger verstehen konnte“.(143) Das heißt, niemand außer den Schweizern selbst, denn „the Swiss authorities who monitored from inside the telephone system itself could hear his conversations clearly and persumably could and did leak whatever might be useful to whomever they were dealing with at the moment”.(144)
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