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Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Geheimdienste und Widerstand
      OSS und Schweizer Geheimdienst: Operation Sunrise

Das wohl bekannteste Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen OSS und einigen Mitgliedern des Schweizer Geheimdienst ist die Operation Sunrise, die Kapitulation der deutschen Heeresgruppe Südwest in Italien oder auch „the first battle of the Cold War“.(211)

Auf Initiative von Gaevernitz hatte OSS schon mehrfach versucht, einzelne deutsche Kommandeure zur bedingungslosen Kapitulation zu überreden.(212) Aber erst SS-Obergruppenführer Karl Wolff fand sich ab Februar 1945 dazu bereit, Gespräche in dieser Sache aufzunehmen.(213) Über den italienischen Industriellen Baron Luigi Parilli nahm er Kontakt zu Dulles in Bern auf, wobei Hauptmann Max Waibel vom schweizerischen Geheimdienst als Mittelsmann diente.(214) Über die Beteiligung der Schweizer berichtete Dulles: „I have confidence in Swiss through whom we are dealing. Also, all Swiss interests lie in facilitating peaceful surrender of Germans in North Italy.“(215)

Natürlich verfolgten alle Beteiligten ihre eigenen Interessen: Die Amerikaner wollten durch die Ausschaltung der deutschen Heeresgruppe Südwest endgültig jede Chance eines Rückzugs in eine deutsche „Alpenfestung“, die als Gerücht schon einige Zeit für Kopfzerbrechen auf alliierter Seite sorgte,(216) ebenso verhindern wie einen Partisanenaufstand, der dann wie in Griechenland in einen blutigen Bürgerkrieg hätte münden können. Waibel war im Besonderen am Schutz des für die Schweiz wichtigen Hafens von Genua gelegen, außerdem wollte er verhindern, dass kurz vor Kriegsende doch noch zurückweichende deutsche Truppen über schweizerisches Territorium nach Deutschland zu kommen versuchen oder, dass die Bahnlinien zum Gotthard und Simplon zerstört würden. Parilli verfolgte wohl vor allem eigennützige Ziele, nämlich zu verhindern, dass seine Besitzungen in Oberitalien durch die Kampfhandlungen zerstört würden.(217) Auch Wolff wollte wohl weitere Zerstörungen verhindern, nämlich die von wertvollen Kunstobjekten.(218) Und natürlich war einmal mehr der Hintergedanke den Krieg zu beenden „um mit den Alliierten zusammen eine gemeinsame Front gegen den Vormarsch der Sowjetunion in Europa zu bilden“.(219) Dass es ihm nebenbei auch noch um sein eigenes Schicksal nach dem Krieg ging, muss wohl auch nicht weiter ausgeführt werden. Vor allem wenn man bedenkt, dass er während seiner Laufbahn viele Tausende Menschen nach Treblinka geschickt hatte.(220) Sein Plan sollte aufgehen. In Anerkennung seiner Verdienste in Italien war Wolff wegen seines Anteils an der Endlösung nicht belangt worden. 1946 wurde er dann von einem deutschen Gericht zu nur vier Jahren Gefängnis für seine Rolle als Mittäter bei den Versuchen in Dachau verurteilt!(221)

Bevor die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen wurden, nämlich mit der Unterzeichnung der Kapitulation am 29. April, die dann am 2. Mai in Kraft trat, mussten jedoch erst einige Probleme überwunden werden. Zu aller erst galt es ein Zeichen des guten Willens zu setzen, weswegen Wolff einen OSS Agenten und den italienischen Widerstandsführer Parri freiließ(222) und darüber hinaus versprach: „To discontinue active warfare against partisans merely keeping up necessary pretense pending execution of plan. Release to Switzerland several hundert Jews interned at Bozen. [...] Assume full responsibility for safety and treatment of 350 British and American prisoners Mantua [...]“.(223) Dann kam es jedoch zu Verwicklungen auf deutscher Seite. Und auch mit ihren russischen Alliierten bekam OSS Probleme. Denn da die Sowjets nicht von Anfang an in die Gespräche involviert gewesen waren, war nun wieder das leidige Thema des Separatfriedens aufgebracht worden.(224) Dies ging so weit, dass Stalins entrüsteter Protest in Washington dazu führte, dass Dulles im April den Befehl erhielt „to break all SUNRISE contacts“.(225) Und auch Wolff hatte Befehl, von Himmler, „to break off contact“.(226) In Dulles Bericht über diesen Befehl heißt es: „Himmler told him [Wolff] that he should not leave Italy and particularly that he should not go to Switzerland.”(227) Außerdem musste „mit enttäuschten Reaktionen der kampfbereiten Partisanen gerechnet werden, in deren Augen Verhandlungen über eine Teilkapitulation bereits dem „Verrat“ nahe kamen“.(228)

Die Verhandlungen wurden aber niemals wirklich unterbrochen.(229) Als jedoch Wolff mehr oder weniger auf dem Weg zur Unterzeichnung der Kapitulation in der Nähe von Cernobbio von Partisanen eingeschlossen wurde, war es an Major Waibel, ihn zu befreien, weil „ohne ihn die Kapitulation nicht durchgeführt werden konnte und ein Chaos in Norditalien unvermeidlich wäre“(230). Mit Hilfe einer Gruppe italienischer Partisanen gelang es Waibel schließlich, Wolff in Sicherheit zu bringen, sodass am 29. April in Caserta die Kapitulation unterschrieben werden konnte.
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