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Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Geheimdienste und Widerstand
      OSS und der deutsche Widerstand

Im August 1943 hatte sich über „Wood“ eine der besten Quellen für OSS/Bern im Auswärtigen Amt aufgetan. „Wood“, eigentlich Fritz Kolbe, hatte durch seine Arbeit als „spezial assistant to a top Nazi Foreign Office official, Ambassador Karl Ritter“(145) Zugang zu hochvertraulichen Akten, deren Kopien zum Teil durch ihn vernichtet werden sollten. Nachdem die Briten ihn als Informant abgelehnt hatten, wandte er sich an OSS Bern, wo er in Dulles einen dankbaren Abnehmer für seine Informationen fand. Dennoch blieben aufgrund seiner zum Teil spektakulären Nachrichten Zweifel an deren Echtheit.(146) Dulles jedoch stellte sich voll hinter Wood und ließ seine Vorgesetzten im Dezember 1943 wissen, dass er „now firmly believe in the good faith of Woods, and I am ready to stake my reputation on the fact that these documents are genuine“.(147) Am 26 April 1944 listete er dann in einem weiteren Telegram verschiedene Punkte auf, die die Zuverlässigkeit Kolbes beweisen sollten: „As yet no evidence of plant in material itself. [...] Having critically examined hundreds of these Documents internal and external evidence has persuaded me of their genuineness. […] Wood while intelligent is somewhat naïve and appears to have none of the characteristics which would qualify him to pull of double-crossing game […]”.(148)

Kolbe schaffte es, selbst mehrfach in die Schweiz geschickt zu werden. Diese Aufträge nutzte er, um Kopien der ihm anvertrauten Geheimdokumente bei OSS/Bern abzuliefern. Ende 1944 bekam er dann auch eine OSS Kamera um größere Mengen an Dokumenten ablichten und so OSS zugänglich machen zu können.(149)

So brachte „Wood“ OSS eine große Zahl von hochbrisanten Informationen ein. Darunter „up-to-date reports, direct from the German Embassy in Tokyo”, “more than 1,600 true readings of cables to and from the Foreign Office and some forty German diplomatic and consular missions […] including reports from the military and air attaches in Japan and the Far East, data on the structure of the German secret service in Spain, Sweden and Switzerland on espionage activities in England and in the British Embassy in Istanbul.”(150) Außerdem informierte er die Alliierten über deutsche Erfolge im Codebrechen(151) und über die Aktivitäten von „Cicero”, einem deutschen Agenten in der britischen Botschaft in Ankara, der über Monate geheime Dokumente fotografiert und den Deutschen hatte zukommen lassen.(152) Dadurch hatten die Deutschen wichtige Einsicht in die Politik der Alliierten und auch in die Differenzen zwischen dem Westen und den Russen erhalten.(153) Schließlich musste er im Frühjahr 1945 aus Deutschland fliehen. Wie Dulles am 4. April 1945 berichtete „Wood arrived last night after laborious trip from Berlin, which he left about March 9. […] his boss, Ritter, which served as contact between FO and OKW, is to be liquidated and it seems probable that Wood would be sent to Volkssturm if he returned.”(154)

Ebenfalls 1943 entstand Dulles Kontakt mit dem Kreis um Admiral Canaris über Hans Bernd Gisevius, „Tiny“, einem früheren Gestapo Agenten, der dann zur Abwehr gewechselt war. Offiziell arbeitete er als Vize-Konsul im deutschen Generalkonsulat in Zürich. Gisevius wandte sich an den OSS, nachdem auch ihm MI-6 als möglichen deutschen Spion die Zusammenarbeit verweigert hatte.(155) Die Kontaktaufnahme zwischen Gisevius und OSS erfolgte laut Dulles über Gaevernitz. Außerdem war Gisevius mit einigen „church leaders in Geneva in whom I [Dulles] had full confidence“(156) bekannt. Die ersten Informationen, die Dulles von ihm bekommen hat, bezogen sich auf eine von der Gestapo gebrochenen Code mit dem Dulles Donovan Bericht erstattet hatte. Nachdem so Vertrauen aufgebaut worden war, wurde Dulles nach und nach durch Gisevius über die Pläne der Verschwörer vom 20. Juli informiert,(157) die von Bern den Codenamen „Breakers“ erhielten.(158) Der zweite wichtige Kontaktmann neben Gisevius war Eduard Waetjen, der vor allem ab 1944 immer mehr in den Vordergrund rückte.(159) Die „Breakers“ wollten versuchen, amerikanische Hilfe für den Putsch zu bekommen, womöglich sogar eine Kooperation hinter den deutschen Linien aufzubauen.(160) Auch Dulles forderte immer wieder, den Widerstand zu unterstützen.(161)

Besonders interessiert waren die „Breaker“ auch daran, die Amerikaner und die Briten davon zu überzeugen, mit Deutschland gemeinsam gegen die Russen zu kämpfen. Noch im Mai 1944 berichtete Gisevius von einem Attentatsplan, der noch immer beinhaltete, dass „the Germans could surrender to the West alone“.(162) Die Entscheidung, doch bedingungslos vor allen Feinden zu kapitulieren, ist laut Dulles erst kurz vor Stauffenbergs Attentat getroffen worden.(163) Dulles selbst hatte ihnen immer wieder klar machen müssen, dass die Westalliierten „would never take any kind of action without the Soviet’s knowledge“.(164)

Mit dieser Entscheidung, auf Dulles nachhaltigen Druck einzugehen und die Formel der bedingungslosen Kapitulation vor Westen wie auch Osten anzunehmen, war aber auch endgültig jede Hoffnung auf die Unterstützung durch Himmler und die SS verloren.(165) Himmler, sein Stellvertreter General Wolff und sein Nachrichtenchef Schellenberg waren im Herbst 1943 nämlich ebenso wie Dulles über die Pläne des Widerstandes, Hitler zu beseitigen, informiert gewesen. Sie teilten die Ansicht, dass eine militärische Niederlage Deutschlands nicht erforderlich sei, um den Krieg zu beenden.

Zu dieser Zeit begann aber auch „ein eigentümlicher Unterschied zwischen den Informationen, die dem Schweizer Nachrichtendienst zukamen, und jenen, die Dulles erhielt“.(166) Dieser war begründet in der Tatsache, dass die Schweizer ihre Informationen weiterhin aus dem Führerhauptquartier erhielten, damit also eher über die noch immer vorhandenen Stärken Deutschlands auf dem Laufenden waren, während Dulles hauptsächlich über die Spannungen gegen Hitler und das Netz der Opposition informiert wurde. Aber auch Himmler selbst hatte über Prinz Max von Hohenlohe-Langenburg-Rothenhaus mit Dulles Kontakt aufgenommen.(167) Er hatte dabei wohl eine Verbindung ähnlich wie die zwischen Schellenberg und Masson im Sinn. Für ihn, Himmler, war vor allem von Interesse ob „the Allies would come to terms with him when Hitler was toppled and let him, as the new leader of Nazi Germany, turn his forces against the Soviets“.(168) Ähnliche Fühler hatte Himmler ja auch über Felix Kersten in Stockholm aufnehmen lassen.(169) Über eben jene Kontakte zwischen den Deutschen und dem Chef des Schweizer Geheimdienst war aber auch Dulles bereits informiert - die Amerikaner hatten ihren eigenen Mann im Büro Schellenbergs sitzen(170) – und hatte aus Besorgnis über diese Kontakte den amerikanischen Geheimdienst angewiesen, genauestens zu überwachen, welche Nachrichten Schellenberg auf diesem Wege bekam.(171)

Nach dem missglückten Putsch gelang es Gisevius unterzutauchen und mit Hilfe seiner Freunde in der Schweiz schließlich dorthin zu entkommen.(172) Nach dem Krieg tauchte er dann wieder auf, um in Nürnberg als „a witness for the prosecution against Göring, and most of the other defendants except Schacht“(173) aufzutreten.

Der Kontakt zum Kreisauer Kreis um den Grafen Moltke lief vor allem auch über Adam von Trott zu Solz.(174) Aus Sicherheitsgründen war es aber nie zu einem persönlichen Treffen zwischen ihm und Dulles gekommen. Nichts desto trotz blieb Dulles über die Überlegungen und Pläne des Kreises auf dem Laufenden. Auch dieser Kontakt war, wie im Fall von Gisevius, über kirchliche Wege zustande gekommen, nämlich über den Niederländer Visser`t Hooft, der für die Gruppe auch noch andere Kommunikationskanäle zu öffnen versuchte.(175) Ebenfalls wie im Fall von Gisevius waren die Briten im Gegensatz zu Dulles auch an einem Kontakt mit Trott zu Solz nicht sonderlich interessiert.(176)

Dulles hingegen wurde auch von Trott zu Solz deutlich gemacht, wie „deeply disappointed“ die deutschen Widerständler waren „because the Western powers had given them no encouragement“.(177) Damit unterstützte auch er Dulles Abneigung gegen die alliierte „unconditional surrender Politik“, von der Dulles schließlich dachte, dass man damit den Deutschen in die Hände spielte, da diese sie benutzten, um Panik zu schüren und „to prolong a totally hopeless war for many months“.(178)

Darüber hinaus hatte Dulles sich gute Kontakte zu Kreisen aus der deutschen Industrie geschaffen. Eine dieser Quellen war Eduard Schulte(179), der „managing director of the giant Giesche mining industries astride the German – Polish border in Upper Silesia“(180) und darüber hinaus offener Kritiker des Naziregimes. 1939 hatte er im Voraus Hitlers Pläne Polen anzugreifen gemeldet, im April 1941 dann den geplanten Überfall auf Russland. Im Juli 1942 hatte er einen auffälligen Besuch Himmlers in Auschwitz beobachtet und war einer der Ersten, die der Welt von den anlaufenden Massenvernichtungen berichteten.(181)

Wichtige Informationen über die deutsche Waffenproduktion lieferte auch der deutsche Industrielle Walter Bovari. Er berichtete zum Beispiel Anfang Februar 1943 über eine „secret weapon whose exact nature was not disclosed to him with the expection that [it] is a flying contraption perhaps in form of an aerial torpedo”(182) und Ende des selben Monats teilte er OSS mit, dass „Hitler’s secret weapon which is hoped to turn back the Russians this year is a manless tank”.(183)

Auch hatten Industriekreise (darunter auch Schulte)(184) im Frühjahr 1943, wie auch Gisevius,(185) gemeldet, dass die Deutschen in Peenemünde an der V-1(186) arbeiteten. Den genauen Ort der Produktion und der Tests erfuhr OSS dann aber aus einer österreichischen Quelle.(187)
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