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| Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Geheimdienste und Widerstand |
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| Der Schweizer Geheimdienst Die Schweiz sah sich grundsätzlich mit drei verschiedenen Problemen konfrontiert. Im Sinn der Neutralität musste sie fremde Spionagetätigkeiten gegen kriegsführende Parteien auf ihrem Boden verhindern. Auch alle fremden Geheimdienstoperationen, die gegen die Schweiz selbst gerichtet waren, mussten unterbunden werden.(88) Der dazu benötigte gut funktionierende, effektive schweizerische Nachrichtendienst, war allerdings zu Beginn des Krieges praktisch nicht vorhanden. Als 1936 Oberstleutnant (später Brigadier) Roger Masson die Leitung des schweizerischen Geheimdiensts übernahm, unterstand ihm genau ein Mitarbeiter. Während des Krieges, ab 1941, kam es schließlich zu einem Höchststand von 120 Mann.(89) Wichtig für die weiteren Betrachtungen in dieser Arbeit sind hier vor allem drei Männer, die bereits wegen ihrer Rolle in der Offiziersverschwörung benannt worden sind: Major Ernst, der Leiter des Büro D (Deutschland)(90) aus der Nachrichtenauswertung und aus der Nachrichtenbeschaffung Major Waibel, der Leiter von NS1 und Major Hausamann, der das Büro Ha leitete. Dieses Büro Ha war ursprünglich Hausamanns privater Geheimdienst gewesen, den er dank seiner weitreichenden Geschäftsbeziehungen schon vor dem Krieg aufgebaut hatte und der dann auf Betreiben des Generals dem schweizerischen Geheimdienst angegliedert wurde. Hausamanns ursprüngliches Ziel war es gewesen, gegen die Sozialdemokraten zu arbeiten, als diese aber 1936 ihre ablehnende Haltung gegenüber der Aufrüstung schließlich aufgaben, wurde Hausamann ihr Berater in Fragen der Landesverteidigung. Das Büro Ha verlagerte seinen Schwerpunkt von nun an auf die nationalsozialistische Gefahr.(91) In Anlehnung an seine führende Position in der Offiziersverschwörung war Hausamann aber auch die innere Gefährdung der Armee sehr gut bewusst, sodass das Büro Ha seine Tätigkeit auch dahingehend ausweitete, alle Diplomaten, Offiziere und Beamten zu überwachen, die verdächtig waren den Deutschen bewusst oder unbewusst zu helfen. Ähnlich gute Beziehungen wie Hausamann hatte auch Max Waibel. Anders als bei Hausamann bezogen sich diese bei ihm allerdings nicht auf Geschäftsfreunde, sondern auf Bekannte und Freunde in der deutschen Wehrmacht, da Waibel vor dem Krieg an die deutsche Kriegsakademie abkommandiert gewesen war. Dank dieser Beziehungen gelang es ihm auch, die bereits erwähnte Wikinglinie aufzubauen.(92) Über diese Verbindung hatten die Schweizer zum Beispiel im Voraus über die Offensiven in Skandinavien, Frankreich und im Osten erfahren. Außerdem erhielt der General durch sie Einblicke in die Lage an den deutschen Fronten aus deutscher Sicht und auch Eindrücke über Regungen der deutschen Opposition.(93) Begonnen hatten diese Beziehungen zwischen „Pfalz“, dem Basler Außenposten von NS1, und dem Führerhauptquartier im Frühjahr 1940, als ein Basler Geschäftsmann den Chef von „Pfalz“ aufsuchte, um ihm mitzuteilen, dass Hitler am 6. April Dänemark und Norwegen angreifen würde. Im Büro D wurde diese Meldung nicht ernst genommen. Erst als das Unglaubliche wirklich eingetroffen war, wurde den Schweizern bewusst, dass sich ihnen eine wertvolle neue Quelle eröffnet hatte.(94) Da die Schweiz dank ihrer geographischen Lage und der Neutralität ein besonders beliebtes Nachrichtenzentrum, eine Drehscheibe für Spionage von und nach allen Seiten(95) war, sah sich der Schweizer Geheimdienst mit Nachrichtendiensten beider Kriegsparteien konfrontiert. Obwohl die Neutralität der Schweiz eigentlich verbot, diese fremden Dienste auf ihrem Boden arbeiten zu lassen, war man doch nicht immer bestrebt, deren Aktivitäten zu unterbinden. Natürlich galt das nicht, wenn das Ziel der Spionage die Schweiz selbst war. Ansonsten aber wurden gewisse Vorgänge durchaus auch einmal „übersehen“, solange dafür im Austausch gewisse Informationen mit dem schweizerischen Nachrichtendienst geteilt wurden.(96) So wurde zum Beispiel „Dora“, ein Spionagering unter Leitung des Ungarn Sandor Rado, der seine Informationen nach Russland schickte, erst Ende 1943 von der schweizerischen Polizei ausgehoben,(97) nachdem ein Leutnant der Spionageabwehr (SPAB) am 11. September zufällig Funkzeichen aufgefangen hatte. Die anschließenden Ermittlungen der Bundespolizei führten zu drei Sendern, zwei in Genf und einem in Lausanne. Zu Rados engsten Mitarbeitern gehörten der englische Funker Alexander Foote, der Betreiber des Senders in Lausanne, der Schweizer sozialdemokratische Journalist Otto Pünter, „Pakbo“(98) und die deutsche Kommunistin Rachel Dübendorfer. Durch sie bestand auch eine Verbindung zu Rudolf Roessler, einem deutschen Emigranten und Leiter des Luzerner Vita Nova Verlags, der seit 1942 auch an „Dora“ Informationen weiterleitete.(99) Roessler, Deckname „Lucy“, war im Ersten Weltkrieg deutscher Offizier gewesen und besaß aus dieser Zeit noch ausgezeichnete Kontakte ins Oberkommando der Wehrmacht. Von diesen Quellen erhielt er erstklassige Informationen über die militärische Planung der Deutschen. Wer diese Quellen aber genau waren, teilte Roessler weder Rado noch den Schweizern mit, denen er schon seit den späten 30ern seine Informationen zukommen ließ. Da dieser Kontakt über das Büro Ha lief, das wiederum in Verbindung mit MI6 stand, war Roesslers Material auch den Briten bekannt.(100) Die Brücke zwischen dem Büro Ha und den Briten bildete in diesem Fall ein gewisser „Onkel Tom“ angeblich ein Verwandter von Frau Hausamann, wie sich später herausstellte ein tschechischer Offizier namens Oberst Sedlacek.(101) Aufgrund der Aktualität von Roesslers Informationen wird angenommen, dass er sie auf dem Funkweg erhalten haben muss. Als Quellen werden die Rote Kapelle, nach ihrer Zerschlagung der Kreisauer Kreis, aber auch die deutsche Spionageabwehr unter Canaris und Oster angenommen. Jon Kimche weist außerdem darauf hin, dass „Roessler nur von jemandem, der mitten im Führerhauptquartier saß, und zwar dort, wo die Entscheidungen getroffen wurden, und der außerdem die Möglichkeit besaß, mit Roessler direkt zu verkehren“(102) seine Informationen erhalten haben konnte. Warum die Schweizer Rados Netzwerk schließlich zerstört haben und damit auch eine ihrer eigenen Informationsquellen lahm legten, ist umstritten. Eine Vermutung ist, dass man der Gestapo zuvorkommen wollte, die bereits dicht an das Netzwerk herangekommen war. Eine der Funkerinnen, „Rosa“, hatte eine Beziehung mit einem gewissen Hans Peters, der in Wirklichkeit für die deutsche Abwehr arbeitete und bereits ihren Verschlüsselungscode geknackt hatte.(103) Fest steht, dass der Nachrichtendienst über die von der Bundespolizei durchgeführten Verhaftungen wohl nicht glücklich war. „Lucy“ selbst wurde im Mai 1944 wieder freigelassen und nach dem Krieg von allen Vorwürfen freigesprochen, da er der Schweiz wichtige Dienste geleistet hatte, während die anderen Beteiligten zu langen Haftstrafen verurteilt wurden.(104) Die Schweizer unterhielten aber auch Kontakte zu den Nationalsozialisten. Hier ist vor allem die Beziehung zwischen Brigadier Masson und dem SS-General Walter Schellenberg hervorzuheben. Masson vertraute auf Schellenbergs Aussagen, direkt Einfluss auf Hitler zu haben und wollte diesen Umstand wohl ausnützen, um im Fall einer ernsten Gefährdung der Schweiz noch einen Trumpf im Ärmel zu haben. Außerdem hoffte er von Schellenberg zu erfahren, wo die Dokumente über das geheime französisch-schweizerische Abkommen über das Vorgehen im Fall eines deutschen Angriffs auf die Schweiz verblieben waren, die den Deutschen 1940 in La Charitè-sur-Loire in die Hände gefallen, jedoch nie von ihnen benutzt worden waren.(105) Überhaupt scheint Masson zumindest zeitweise zu der Annahme geneigt zu haben, dass der deutsche Endsieg schlussendlich nicht abwendbar sein würde, man erinnere sich nur zum Beispiel an seine Einstellung gegenüber der Pressefreiheit. Schellenberg hingegen hoffte wohl auf diese Art herausfinden zu können, ob und in welchem Ausmaß eine Zusammenarbeit zwischen dem schweizerischen und den alliierten Geheimdiensten stattfand. Außerdem wollte er erfahren, wer die Lücken im Oberkommando der Wehrmacht waren, durch die sowohl die Schweiz als auch die Alliierten geheime Informationen gewannen. Darüber hinaus hat wohl auch er (wie auch viele Mitglieder des deutschen Widerstands) gehofft, über die Schweiz Verbindung zu den westlichen Alliierten aufnehmen zu können, um sie dazu zu bringen, sich gemeinsam mit Deutschland gegen Russland zu stellen. Und zu guter Letzt hoffte Schellenberg über diese Kontakte in die Schweiz sicherlich auch auf ein sicheres Exil, falls der Endsieg doch nicht kommen würde.(106) Bei einem ersten Treffen gelang es Masson ohne Gegenleistung die Freilassung eines in Deutschland gefangengenommenen schweizerischen Agenten, einer Nichte von General de Gaulle und der Familie des französischen Generals Henri Giraud zu erreichen. Damit hatte sich Schellenberg Massons Vertrauen erkauft und konnte ihn dazu bringen, ein direktes Treffen zwischen ihm und General Guisan zu vermitteln. Der General war wohl besonders daran interessiert zu erfahren, wo die für ihn belastendend Papiere von La Charitè-sur-Loire verblieben waren und stimmte diesem Treffen zu. Als dies der Öffentlichkeit später bekannt wurde, kam es zu heftiger Kritik. Der General aber rechtfertigte es damit, dass er den Deutschen nur persönlich vom schweizerischen Widerstandswillen überzeugen hatte wollen.(107) Während des Kriegs war ihm jedoch auffällig daran gelegen, seine beiden Treffen mit Schellenberg(108) zu vertuschen. Als Generalstabshauptmann Bracher, der Verbindungsoffizier des Vorstehers des Militärdepartements zum Oberbefehlshaber, ihn auf die Gerüchte, die er über die Treffen gehört hatte, ansprach, behauptete Guisan sich nur kurz mit einen Deutschen getroffen zu haben, jedoch weder dessen Namen noch Rang zu kennen. Auch Bundesrat Kobelt, Brachers Vorgesetzter, der von diesem informiert worden war, erhielt vom General nur eine ähnlich ungenaue und verschleiernde Auskunft.(109) Er wiederum informierte den Bundesrat über das eigenmächtige Vorgehen des Generals. Es wurden jedoch keine ernsthaften Konsequenzen gezogen „weil es im nationalen Interesse lag, den Nimbus des Oberbefehlshabers der Armee intakt zu erhalten“.(110) Schellenbergs Erwartungen in seine Beziehung zu Masson wurden zum Teil erfüllt. Zumindest den Beweis für eine undichte Stelle im Führerhauptquartier, die dem schweizerischen Nachrichtendienst brisante, hochgeheime Informationen zukommen ließ, lieferte Masson ihm höchstpersönlich. Als nämlich im März 1943 von deutscher Seite der „Fall Schweiz“ wieder verstärkt forciert wurde, meldete dies die Wikinglinie der NS1. Der General und Masson wurden unterrichtet. Nun hatte aber Masson nichts besseres zu tun, als sich bei Schellenberg zu erkundigen, was von diesen Informationen zu halten sei! Dies führte zu einer Verhaftungswelle, von der auch ein Vertrauensmann der Wikinglinie betroffen war. Erst nach seiner Entlassung konnte die Arbeit wieder aufgenommen werden, allerdings unter noch wesentlich verschärfteren Bedingungen, da die Sicherheitsvorkehrungen und die Überwachung erhöht worden waren.(111) Und auch im Fall des deutschen strenggeheimen Nachtjagdflugzeugs Bf 110 G-4, das in der Schweiz notlanden musste, konnte Schellenberg seine guten Kontakte ausnützen und die Schweizer dazu bringen, das Flugzeug mit seiner neuen Technik zu vernichten, bevor der Feind Informationen über die neuen technischen Möglichkeiten der Deutschen bekommen konnte.(112) Neben den Beziehungen zu Deutschland bestanden aber selbstverständlich auch gute Kontakte zu den Alliierten. Und wie Schellenberg und andere schon lange vermuteten, wurden auch Nachrichten weitergegeben. So zum Beispiel über die Besprechung am Obersalzberg über den Angriff auf Polen, über die England unter anderem auch von Seiten der Schweiz informiert wurde.(113) Ähnliches geschah dann auch vor dem deutschen Angriff auf Dänemark und Norwegen und schließlich Frankreich. Auch in diesem Fall versagte jedoch die Nachrichtenverwertung. Ein weiteres Problem war, dass der schweizerische Geheimdienst zwar Ort und Zeit der deutschen Bewegungen richtig gemeldet hatte, jedoch die Bedeutung der deutschen Blitzkriegstaktik nicht hatte einschätzen können.(114) Diese Kontakte zu den Briten liefen meist über persönliche Kontakte zwischen Schweizern und vertrauenswürdigen britischen Beamten. Bis zu seiner Abreise 1941 bestand so ein Kontakt zum Beispiel zwischen dem britischen Gesandten Sir David Kelly und dem General. Ebenfalls in der Gesandtschaft arbeitete ein weiteres Bindeglied, Elizabeth Wyskemann, die auch immer wieder Vermittlungsrollen übernahm, wie für den deutschen Widerstand in Form von Adam von Trott zu Solz, mit dem sie persönlich bekannt war und der unter anderem über sie versuchte, mit der britischen Regierung ins Gespräch zu kommen. Jon Kimche betont jedoch, dass neben diesen privaten Wegen ein „auffallender Mangel an politischen Verständnis bei den Organen des englischen Nachrichtendienstes und den diplomatischen und militärischen Vertretern Großbritanniens“(115) herrschte. Anders verhielt es sich mit den Amerikanern. Denn der Leiter von OSS in der Schweiz, Allen Dulles, zeigte sich offener für Kontaktaufnahmen. Neben den noch zu erwähnenden Beziehungen mit Mitgliedern des Schweizer Geheimdiensts stand er auch mit General Guisan persönlich in Kontakt. Der General versuchte diese Verbindung wohl zu nutzen, um über die militärische Planung der Alliierten auf dem Laufenden zu bleiben. Dass dies auch Dulles bewusst war, zeigt sich aus seinem Telegram 2630-31 vom 29. März 1944, in dem er über eines seiner Gespräche mit Guisan berichtet: „[...] his reason for requesting a talk with me was to try to gain some indication of whether or not it is probable that France will be invaded in the near future.”(116) Außerdem wollte er über diesen Kontakt weitere alliierte Bombenabwürfe auf schweizerisches Territorium möglichst unterbinden, wie Dulles im November 1944 berichtete: „839 [Guisan], who is a good friend of ours, was obviously seriously disturbed at repetition of our bombing attacks on Swiss towns and villages. He indicated this was seriously affecting attitude Swiss people toward USA.”(117) Aber auch die Alliierten waren natürlich daran interessiert über diesen Kontakt zu erfahren, welche Verteidigungsstrategie die Schweizer im Ernstfall anzuwenden plante. Im Juni 1944 heißt es bei Dulles hierzu: „[...] in view of the developments in Italy and France, the Swiss are weighing the possibility of preparing some defense at the frontiers, instead of immediately withdrawing to reduit in the event of attack, and as a result, are planning that the forces outside of reduit are to be increased.”(118) Über seine Beteiligung an oder auch nur seine Kenntnis über die Linie Schellenberg-Masson informierte der General Dulles allerdings nicht.(119) So war Dulles, als er den Schweizern sagte, dass Masson hinter den deutschen Decknamen „Senner1“(120) steckte, anscheinend fest davon überzeugt, dass Guisan auf diese Meldung hin einschreiten würde.(121) |
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