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Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Schweizerische Formen des Widerstandes
      Verteidigungsmaßnahmen

Widerstand hieß im Fall der nicht besetzten Schweiz vor allem, der Besetzung zu widerstehen. Zu diesem Zweck mussten Verteidigungsmaßnahmen gewählt werden, die am Besten der jeweiligen Lage des Landes entsprachen, wobei die Armeeführung ebenso wie die Regierung stets auch bemüht waren, die gefährliche Gradwanderung zwischen effektiver Abschreckung und Reizung eines feindlichen Angriffs zu meistern.

Abschreckung war im Fall der militärischen Verteidigung ein wichtiger Grundgedanke, denn nicht nur die Neutralität an sich verlangte das Land effektiv verteidigen zu können. Überhaupt war in der Schweiz die Meinung weit verbreitet, dass man einen potenziellen Aggressor – in den meisten gedachten Szenarien wohl Hitler(35) - nur dann von einem Angriff auf die Schweiz abhalten konnte, wenn man ihm klar machte, dass ein solches Unternehmen mehr Nach- als Vorteile bringen würde. Das heißt, dass eine Okkupation nur gegen schwersten Widerstand möglich, darüber hinaus langfristig wäre und zu viele Truppen beanspruchen würde und außerdem auch noch nicht besonders lohnend sein könnte, weil die Schweizer selbst Industriegebäude, Eisenbahnlinien und andere wichtige Verkehrsverbindungen zerstören würden, bevor sie dem Feind in die Hände fallen konnten.(36)

Um aber einen entsprechend dauerhaften Abwehrkampf auch wirklich möglich zu machen, waren die dünnen Verteidigungslinien kurz hinter den Grenzen nicht verwendbar. Sie wären wie anderswo „blitzartig“ überrannt worden.(37) Aus diesen Überlegungen heraus wurde - die nicht neue - Idee des Reduit als das „wirksamste Mittel, um einen Angriff auf die Schweiz unrentabel zu gestalten“(38) nach dem Zusammenbruch Frankreichs wieder aktuell.(39) Ausschlaggebend war auch, dass die Verteidigung des Landes von nun an von der Armee ohne Aussicht auf fremde Hilfe gelingen musste.(40) Dies war in Hinsicht auf die Unterlegenheit der schweizerischen Armee sowohl bezüglich ihrer Ausrüstung, als auch ihres Umfangs nur im Gebiet der Alpen möglich, wo die Vorteile von Panzern und Kampfflugzeugen nicht zum Einsatz gebracht werden konnten. Gleichzeitig bedeutete dies nach dem Plan von Oberst Gonard, der schließlich aus drei Entwürfen zur Umsetzung ausgesucht worden war,(41) aber auch die Preisgabe des Mittellandes und damit der bevölkerungsdichtesten Gebiete des Landes. Allerdings blieben sowohl der Gotthard- als auch der Simplontunnel unter Kontrolle der schweizerischen Armee und konnten notfalls gesprengt werden. Diese mögliche Sprengung sollte auf die Deutschen besonders abschreckend wirken, da dadurch der Wert einer besetzten Schweiz wesentlich gemindert worden wäre.(42) Denn gerade diese Verbindungen nach Italien waren es, die für Deutschland besonders interessant sein mussten.

Auch die Art und der Zeitpunkt der Bekanntgabe des Entschlusses, die Armee ins Reduit zu führen, muss wenn man von Widerstand spricht, erwähnt werden. Die Entscheidung fiel nämlich in eine Zeit, in der die Schweiz aufgrund der deutschen Drohung die Kohlelieferungen völlig einzustellen, wichtige Konzessionen machen musste. So musste sie unter anderem Deutschland umfangreiche Kredite gewähren und Kriegsmaterial, das Großbritannien, Frankreich und Norwegen bestellt hatten, an Deutschland liefern.(43) Außerdem war am 6. Juli ein Großteil der Armee demobilisiert worden, offiziell für die Ernte in der Landwirtschaft, aber eigentlich um Deutschland nicht noch mehr zu reizen. Aus den Soldaten wurden so Arbeiter, die für Deutschland produzierten.(44) Der Widerstandswille der Schweiz schien ins Wanken geraten zu sein.(45) Dem gegenüber trat nun die Nachricht vom Rütli(46)-Rapport des Generals, der an diesem historischen Ort(47) am 25. Juli 1940 den Aufbau eines Widerstandszentrums in den Alpen verkündete.(48) Man darf wohl davon ausgehen, dass die Wirkung dieser Rede sowohl auf die Offiziere als auch auf die Öffentlichkeit genauestens kalkuliert worden war und sie vor allem auch an den Widerstandswillen aller Schweizer appellieren sollte.(49) Die Parole, die der General ausgab, lautete: „Wille zum Widerstand und Vertrauen in die Kraft dieses Widerstands.“(50)

Allerdings muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass es in der Schweiz seit den 1970ern einen zunehmend hartnäckigen Streit um den eigentlichen Stellenwert der Schweizer Armee während des Zweiten Weltkrieges gibt. Eine Revision der ursprünglichen Darstellung der zentralen, als zu stark gewichtet empfundenen Wirkung der schweizerischen Streitkräfte wird gefordert.(51)

Dass der Plan des Reduits nichts desto trotz die Deutschen – die einzigen zu diesem Zeitpunkt zu erwartenden Angreifer - der „Fall West“ (52) war mit dem Zusammenbruch Frankreichs ja längst nicht mehr aktuell - wie beabsichtigt nicht unbeeindruckt gelassen hat, zeigt spätestens die Tatsache, dass gegen Ende des Krieges auch auf deutscher Seite Pläne für eine Alpenfestung gemacht wurden, die allerdings nicht mehr in die Tat umgesetzt werden konnten. Allerdings hatte alleine das Gerücht noch einen gewissen Einfluss auf das Kriegsgeschehen, weswegen die Alpenfestung auch im Rahmen dieser Arbeit noch in anderem Zusammenhang zu erwähnen sein wird.

Inwieweit das Schweizer Reduit im Jahr 1940 wirklich die Möglichkeit zum Widerstand geboten hätte, ist allerdings eine andere Frage. Wie Markus Heiniger ausführt, hatte man erst im Sommer dieses Jahres überhaupt mit den Ausbau des Festungswerks begonnen, von einem tatsächlichen praktischen Wert kann also nicht wirklich gesprochen werden.(53)

Nichts desto trotz war das Reduit nicht nur für die Deutschen, sondern vor allem auch für die Schweizer selbst ein „Symbol des nationalen Widerstandswillens“.(54) Diese Stilisierung findet sich ja auch bis heute noch sehr stark in der einschlägigen Fachliteratur.

Jedoch darf dabei nicht übersehen werden, dass schon vor dem Bau des Reduits erfolgreich aktiver Widerstand gegen die Verletzung des neutralen Schweizer Territoriums betrieben worden war und zwar mit Hilfe der Luftwaffe. Sowohl Flugzeuge der Achsenmächte als auch – wie es die Neutralität verlangt – der Alliierten wurden am Überflug gehindert.(55) Oskar Fritschi hebt die Wichtigkeit dieser Maßnahmen hervor, wenn er ausführt, dass am Erfolg der Fliegerabwehr und der Luftwaffe „das Ausland den Verteidigungswillen und die Verteidigungsbereitschaft der ganzen Armee“(56) gemessen hat. Tatsächlich schienen die sich einstellenden Erfolge vor allem gegen die deutsche Luftwaffe ab Mai 1940 zu zeigen, dass erfolgreicher Widerstand möglich war.

Wie wenig beliebt diese – erfolgreiche – Demonstration des schweizerischen Widerstandswillen jedoch nicht nur bei den Deutschen sondern auch im Bundesrat, der massive deutsche Repressalien befürchtete, war, zeigte sich schon im Juni, als der Bundesrat entgegen den Bestimmungen der Neutralität auf starken deutschen Druck hin nicht nur die verlangten internierten deutschen Piloten sondern auch gleich noch die abgeschossenen Flugzeuge zurückgab, um die gerade laufenden Wirtschaftsverhandlungen nicht zu gefährden und vor allem, um weiterhin die lebensnotwendigen deutschen Kohlelieferungen zu erhalten.(57) Darüber hinaus zog der General demonstrativ die eigene – bis dahin erfolgreiche(58) – Flugwaffe aus den Grenzgebieten zurück. Die Tätigkeit der Flieger-Einsatzleitstellen wurde eingestellt. Jedes Begegnungsrisiko mit ausländischen Verbänden sollte ausgeschaltet werden.(59) Wichtig für diese schweizerische Demutsgeste war sicherlich auch der Umstand, dass die Niederlage Frankreichs zu diesem Zeitpunkt schon nur noch eine Frage von Tagen war. Außerdem war Deutschland zur selben Zeit auch noch an einer anderen Front aktiv, nämlich an der des Pressekrieges gegen die Schweiz, denn gerade zu der Zeit fanden ja auch die später noch zu erwähnende Aktion von Herrn Trump und die „Eingabe der Zweihundert“ statt.(60)

Schon bevor der General am 20. Juni das Ende des Neutralitätsschutzes im Grenzraum befohlen hatte, hatte er am 13. verfügt, dass bei unbedeutenden Verletzungen des Luftraums kein Alarm mehr gegeben werden sollte.(61) Damit war also dieser Form des aktiven Widerstands ein Ende gesetzt.
  ÜBERSICHT

INHALTSVERZEICHNIS

SITUATION DER SCHWEIZ

FORMEN DES WIDERSTANDES
VERTEIDIGUNGSMASSNAHMEN
OFFIZIERSVERSCHWÖRUNG
GOTTHARDBUND
AKTION NATIONALER WIDERSTAND
PRESSEFREIHEIT

GEHEIMDIENSTE UND WIDERSTAND
 
         
 
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