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Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Situation der Schweiz
      Bedrohung von innen

Während des gesamten Krieges, und auch schon davor, kam die Gefahr aber nicht nur von außen, sondern ebenso von innen. Die Deutschen rechneten zu Teil ganz offen mit ihren „Freunden“, die ihnen bei einer kampflosen Übernahme helfen sollten. Solche Freunde fanden sich in vielfacher Gestalt: Deutsche, die in der Schweiz lebten, Anhänger der Fronten, deutschgesinnte Politiker und Militärs, die vom Endsieg überzeugt waren und lieber rechtzeitig auf die „Siegerseite“ wechseln wollten. Sie alle stellten eine Gefährdung des Widerstandswillens der Schweiz dar.

Im Mai 1940 hatte Hitler Goebbels beauftragt, den Begriff „Fünfte Kolonne“ in Zukunft in der Presse auftauchen zu lassen, um Verunsicherung und Misstrauen in den „Feindländern“ zu schüren.(16) In der Schweiz, die die größte deutsche Ausländerkolonie Europas beherbergte, fand sich ein guter Nährboden für diese Taktik. Auch die Tatsache, dass die meisten der wehrfähigen deutschen Männer nicht in die Wehrmacht eingezogen, sondern ca. 12000 bis 13000 in der Schweiz belassen wurden,(17) erschien so manchem als eine ständige lautlose Drohung.

Schon vor dem Krieg hatten die Schweizer schockartig erfahren müssen, wie komplex der deutsche Machtapparat in ihrem Land bereits ausgebaut war. Als nämlich Wilhelm Gustloff, Chef der in der Schweiz lebenden Nationalsozialisten, im Februar 1936 von David Frankfurter erschossen wurde, kamen im Laufe der Ermittlungen die wahren Ausmaße der Vernetzung und Größe sowie des militärischen Charakters von Gustloffs Organisation ans Licht.(18) Zwar wurde in Folge die nationalsozialistische Partei in der Schweiz verboten, aber unter dem Schutzmantel der deutschen Konsulate bestand sie weiterhin.(19)

Aufgrund der Erkenntnisse aus diesen und späteren Ermittlungen war es der Schweizer Polizei allerdings ein leichtes, diese „Ortsgruppen der NSDAP“ zu überwachen. Daneben organisierten Zivilisten auch geheime Selbstschutzkommandos, die ebenfalls ein Auge auf diese potenzielle „Fünfte Kolonne“ hatte, sodass diese eigentlich nicht mehr einsatzfähig war.(20)

Allerdings beschränkte sich während des Krieges der Ausdruck „Fünfte Kolonne“ nicht mehr länger nur auf diese klar abgegrenzte Gruppe. Viel mehr kam es zu einer enormen Ausweitung der Bedeutung, sodass auch Sabotagekommandos im Rücken der Armee, Spitzel und Agenten, umstürzlerische Gruppen jeder Art, fremde Propagandisten und so weiter dazugezählt wurden.(21) Kurzum, all jene, die dem Widerstandswillen und der Unabhängigkeit der Schweiz negativ gesinnt waren. Gegen sie wurde gesetzlich vorgegangen. Wegen Verrat oder Spionage für Deutschland wurden insgesamt 283 Schweizer, 142 Deutsche und 40 Ausländer anderer Nationalität verurteilt, darunter 5 Schweizer und 2 Ausländer hingerichtet. Eine viel größere Zahl wurde ausgewiesen.(22)

Die Schweizer Anhänger Hitlers fanden sich in den sogenannten Fronten zusammen. Ähnlich der NSDAP fanden auch sie Aufschwung in der Not der Menschen durch Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise. Ihren deutschen Vorbildern folgend hissten auch die Frontisten die Hakenkreuzfahne, zerschlugen Fenster, kurzum sie versuchten einen kleinen Bürgerkrieg anzuzetteln. Auch antisemitische Aktionen wurden durchgeführt.(23) Allerdings konnten die Fronten, anders als die NSDAP in Deutschland, sich zu keinem Zeitpunkt wirklich durchsetzten. Sie fanden niemals einen breiten Zustrom. Zu ihrer besten Zeit brachten sie es gerade einmal auf 1,5% der Wähler.(24) Denn anders als in Deutschland gab es in der Schweiz kein Trauma aus dem Ersten Weltkrieg, dass propagandistisch hätte ausgeschlachtet werden können. Und auch die Belastung durch die Weltwirtschaftskrise war im Vergleich in der Schweiz ungleich geringer.

Nach einem kurzen Aufschwung, dem sogenannten Frontenfrühling, verloren sie schon 1934/35 wieder fast die Hälfte ihrer Anhänger. Wer jetzt noch blieb, konnte allerdings gefährlich werden. Aus den Reihen dieser Extremisten rekrutierten sich besonders viele Landesverräter und Spione.(25)

Nach der Kapitulation Frankreichs sahen die Frontisten noch einmal ihre Chance und kamen für einige Zeit unter neuen Parteinamen wieder. Das sich der innenpolitische Wind zu ihren Gunsten gedreht hatte, zeigt die Tatsache, dass von offizieller Seite kaum etwas gegen sie unternommen wurde. Ganz im Gegenteil, am 10. September 1940 empfing der Bundespräsident sogar eine Abordnung der Fronten im Bundeshaus. Als Details darüber allerdings in der Öffentlichkeit bekannt wurden, kam es zu Entrüstungsstürmen.(26) Schließlich wurden die Fronten verboten, was dazu führte, dass sie nun illegal fortgesetzt wurden. Der Polizei gelang es jedoch die Frontenführer festzunehmen. Nach ihrer Haftentlassung flüchteten sie nach Deutschland, gefolgt von vielen ihrer Anhänger. Allerdings mussten sie dort enttäuscht feststellen, doch nicht so erwünscht wie erwartet zu sein.(27)

Es gab aber auch andere, die es als ihre Pflicht als Schweizer Patrioten ansahen, alles zu tun um ihr Land zu retten, wobei dieses „alles“ aber bedeutete, sich der neuen Herrschaftslage anzupassen, um sich so einen Platz im neuen Europa zu sichern. Solche Menschen fanden sich in allen Gesellschaftsschichten. In der Armee war es unter anderem Gustav Däniker, der seine Gesinnung zuerst noch so gut verschleiern konnte, dass sogar die Begründer der Offiziersverschwörung auf seine Unterstützung für den Widerstand gebaut hatten. Sie sollten jedoch enttäuscht werden. Däniker wurde letztendlich aufgrund seiner politischen Einstellung seines Postens enthoben.(28) Schon zuvor hatte er eindeutig Stellung bezogen, indem er nach einem Besuch in Deutschland im Frühsommer 1941 ein Memorandum in Umlauf brachte, in der er dafür plädierte, dass die Schweiz sich dem neuen Deutschland sofort anpassen müsse, um einem Zwangs weisen Anschluss zuvorzukommen.(29)

Aber auch in wichtigen politischen Positionen befanden sich Männer, die aus Angst vor einer deutschen Okkupation immer wieder auf Nachgeben statt auf Widerstand setzten. Ein sehr deutliches Beispiel für diese Einstellung fand schon vor Kriegsbeginn statt. 1935 wurde der Jude Berthold Jacob in der Schweiz von der Gestapo überfallen und nach Deutschland verschleppt. Der Bundesrat protestierte und forderte seine Rückgabe. Als Deutschland schon bereit war nachzugeben, verließ die schweizerischen Behörden jedoch der Mut und sie fügten sich in fast alle deutschen Forderungen. Jacob wurde zwar schließlich an die Schweiz zurückgestellt, von dort aber sofort wieder ausgewiesen und nach Frankreich verschafft.(30)

Überhaupt war der Umgang mit Flüchtlingen, vor allem mit denjenigen, die nach nationalsozialistischer Doktrin als Nichtarier galten, exemplarisch für die Anpassungsfähigkeit der Schweizer Behörden. Leider kann dieser unrühmliche Aspekt der schweizerischen Politik während des Krieges an dieser Stelle nur kurz angerissen werden. Der Abschlussbericht der Bergier Kommission setzt sich mit diesem Thema ausführlich und kritisch im 3. Kapitel auseinander und auch in der Fachliteratur wie zum Beispiel bei Claudia Hoerschelmann, Werner Rings, Samuel Werenfels, Franz Goldner und auch Jean-Jacques Langendorf wird dieses Thema detailliert behandelt.

Typisch für das Verhalten der Schweizer Behörden in diesem Zusammenhang ist zum Beispiel, dass die Behörden Befehl erteilten, Flüchtlinge an der Grenze auch dann noch abzuweisen, wenn mit Sicherheit davon auszugehen war, dass ihnen dadurch Gefahr an Leib und Leben drohte. Widerstand gegen die Vernichtungspolitik des Dritten Reiches ist von Seiten der Schweizer Regierung nur sehr geringfügig zu finden. Im Gegenteil kam es durch die Einführung des J-Stempels auf schweizerischen Formularen, eine Maßnahme, die die Schweiz vor der „Verjudung“ bewahren sollte, sogar zur „Übernahme der Kategorien der Nürnberger Rassegesetze“.(31) Diese Einführung erfolgte am 9. November 1938, dem Tag der Reichspogromnacht.(32) Erst als die Bedrohung des eigenen Landes nicht mehr akut erschien, fand man sich bereit, Menschen aufzunehmen. In der Bevölkerung allerdings stießen diese extremen „das Boot ist voll Maßnahmen“ oft nicht auf Verständnis.

Weitere Hinweise auf die Haltung des Bundesrates sind unter anderem aber auch die vieldiskutierte Rede des Bundespräsidenten, die wirtschaftlichen Beziehung zu Deutschland inklusive der großzügigen Darlehen die man den Deutschen gewähren (musste), die Anweisungen an die Presse sachlich und unvoreingenommen über die „gewaltigen militärischen Leistungen der Wehrmacht“ zu berichten,(33) die Verdunkelung(34) und anderes mehr.

Für die Tatsache, dass die Schweiz trotz der vielseitigen Bedrohungen dennoch niemals wirklich angegriffen wurde, nennt Markus Heiniger 13 Gründe. Neben dem Reduit beschreibt er auch die wirtschaftlichen und geheimdienstlichen Vorteile, die Deutschland durch die Schweiz hatte. Als aber Hitlers Armeen Europa überrannten, sah die Situation in den Augen der Zeitgenossen wahrscheinlich nicht so sicher aus. Niemand konnte sicher sein, wer als nächstes angegriffen werden würde. Noch nicht einmal all die Vorteile, die Deutschland aus der Schweiz zog, konnten eine Garantie für Sicherheit bieten. Ist da das Lavieren des Bundesrates nicht auch verständlich? Und dennoch wurden in der Schweiz neben dieser oft als zu nachgiebig empfundenen bundesrätlichen Politik auch verschiedenste Formen des Widerstandes praktiziert. Auf einige soll im nun folgenden Kapitel eingegangen werden.

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