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Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Situation der Schweiz
      Bedrohung von außen

Mit dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg und die Schweiz fand sich zwischen den Kriegsparteien liegend wieder. Eine Situation, mit der man allerdings gerechnet hatte. Schon am 29. August war die Mobilmachung von Grenzschutztruppen vom Bundesrat beschlossen worden, die Generalmobilmachung folgte am 2. September, nachdem am 30. August der General gewählt worden war.(2) Die Wahl von Henri Guisan, eindeutig Frankreich zugewandt, kann wohl als Zeichen für die Positionierung der Mehrheit der Schweizer gesehen werden. Einen Tag darauf sandte der Bundesrat vierzig Ländern seine Neutralitätserklärung, die von allen anerkannt wurde.

In diesen ersten Kriegswochen gab es zwei mögliche Bedrohungsszenarien: den „Fall West“, also den Versuch Frankreichs Deutschland anzugreifen um Polen zu entlasten. In diesem Fall hätte ein direktes Vorgehen ins Herz Deutschlands über das Schweizer Mittelland führen können. Die andere Möglichkeit – die von der Öffentlichkeit mit Besorgnis als wahrscheinlicher gesehen wurde – war der „Fall Nord“, ein deutscher Vorstoß durch die Schweiz um die als unüberwindbar geltende Maginot - Linie zu umgehen.(3) Diese Variante wurde aber nicht nur in der Öffentlichkeit befürchtet, sondern auch in höchsten schweizerischen Armeekreisen, wie der deutsche Aktenfund am Bahnhof von La Charitè-sur-Loire am 16. Juni 1940 bestätigte. Bei dieser Gelegenheit fiel deutschen Truppen das zurückgelassenen Aktenarchiv der französischen Armee in die Hände. Unter anderem fanden sich darunter Belege über eine geheime französisch-schweizerische Vereinbarung: Sollte Deutschland die Schweiz angreifen und würde die Schweiz offiziell um französische Hilfe ansuchen, würden nach einem bereits bestehenden Plan französische Truppen in die Schweiz einrücken, um sie gegen Deutschland zu unterstützen.(4)

Nach dem Angriff der Wehrmacht auf Belgien, Holland, Luxemburg und Frankreich im Mai 1940 kam es in der Schweiz zur erneuten Mobilmachung der Truppen. Die Angst, ebenfalls ins Visier der Deutschen geraten zu sein, machte sich breit und führte schließlich zur „Pfingstpanik“, als in der Nacht vom 14. zum 15. Mai das Gerücht aufkam, der deutsche Angriff stehe unmittelbar bevor. Allerdings waren die schweizerische sowie auch die französische Armeeführung und auch die diversen Geheimdienste nur einem deutschen Scheinmanöver aufgesessen.(5)

Zwar war die Schweiz selbst nicht Ziel der deutschen Aggression, jedoch häuften sich Verletzungen des schweizerischen Luftraums durch die deutsche Luftwaffe. Vorerst wurde dies noch militärisch beantwortet. Allerdings wurde diese Form des Widerstandes recht bald eingestellt, wie später noch genauer auszuführen sein wird.

Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands zwischen Frankreich und dem Reich im Juni 1940 fand sich die Schweiz wiederum mit einer neuen Situation konfrontiert. Nämlich mit der Tatsache, praktisch von durch die Achsenmächte kontrolliertem Gebiet eingeschlossen zu sein. Nur da es den italienischen Truppen nicht gelungen war, nach Plan vorzurücken, war eine Lücke zwischen Genf und Saint-Gingolph offen geblieben, durch die noch eine Verbindung mit dem nichtbesetzten Frankreich offen blieb.(6) Genau das hatte Hitler unbedingt verhindert sehen wollen, womit diese Lücke zu einer Bedrohung wurde, denn nun erfolgte eine sehr reale Angriffsplanung gegen die Schweiz.(7) Besonders störend musste es in diesem Zusammenhang für Hitler gewesen sein, dass die Schweiz trotz aller deutschen Einschließungsbestrebungen über eine Eisenbahnstrecke (Genf – Annemasse – LaRoche – Annecy) verfügte, die außerhalb jedes deutschen Zugriffs lag.(8) Der erste Entwurf für das sogenannte Unternehmen „Tannenbaum“ (Angriff auf die Schweiz) ist also mit Juni 1940 datiert. Im August wurde er dann noch zweimal überarbeitet und bis zum Oktober gab es noch weitere Entwürfe verschiedener Stabsstufen.(9)

Gleichzeitig war in der Schweiz angesichts der scheinbaren Unbesiegbarkeit der deutschen Wehrmacht der Glaube an die Möglichkeit von erfolgreichem Widerstand stark ins Wanken geraten. Genau in diese Zeit (Juli 1940) fiel auch ein Umschwung auf Seiten der Schweiz in ihren Überlegungen zur Landesverteidigung. Der Rückzug ins Reduit wurde beschlossen. Interessant ist, dass alle deutschen Angriffspläne die Möglichkeit eines Rückzugs der schweizerischen Armee in die Alpenregionen immer als schlimmstes, auf jeden Fall zu verhinderndes, Szenario aufzeigten.(10) Die deutsche Heeresgruppe C erhielt den Auftrag, sich auf die Erfüllung der Sonderaufgabe, also den Einmarsch in die Schweiz, vorzubereiten. Genauere Anweisungen gab es allerdings nicht.(11) Mit dem deutschen Angriff auf Russland am 22. Juli 1941 schien die akute Gefährdung außerdem erst einmal wieder gebannt, da die deutschen Truppen nun im Osten beschäftigt waren.(12)

Aber auch ohne ein militärisches Vorgehen gegen die Schweiz selbst, fand sich eine Möglichkeit, die Lücke zu schließen. Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika am 8. November 1942 besetzte Deutschland auch das restliche Frankreich. Damit war die Schweiz nun vollständig eingekreist. In der Folge wurde ihr Wert als Transportweg zwischen den Achsenpartnern Deutschland und Italien noch bedeutender. Dadurch wurde aber auch die potenzielle Gefährdung wieder höher eingestuft. Schließlich konnte man nicht wissen, wann Deutschland auf die Idee kommen könnte, zu versuchen, die Alpenübergänge direkt unter seinen Einfluss zu bringen. Einen Höhepunkt fand diese Sorge, als Ende 1942 eine der für die Schweiz am wichtigsten Nachrichtenlinien, die Wikinglinie, die noch ausführlicher zu besprechen sein wird, meldete, dass der deutsche Angriff für den 6. April fixiert worden wäre. Die gleiche Linie meldete aber dann auch, dass der Angriff wieder abgeblasen worden sei.(13)

Das Jahr 1943 brachte aber auch einen weiteren tatsächlichen Angriffsplan auf die Schweiz. Diesmal verfasst vom ehemaligen Chef des österreichischen Nachrichtendiensts und nachmals SS-Oberst Boehme. Auch er beschrieb vor allem das Reduit als größtes Argument gegen einen solchen Angriff.(14)

Mit der Landung der Alliierten in der Normandie im August 1944 und ihrem Vormarsch, sah sich die Schweiz wiederum mit einem neuen Gefährdungsszenario konfrontiert: Gefährdung nämlich durch mögliche alliierte Truppenbewegungen über schweizerisches Gebiet. General Guisan veranlasste also, dass ein Teil der Truppen aus dem Reduit abgezogen und statt dessen im Westen positioniert wurde. Dort sollten sie alliierte Truppen ebenso aufhalten wie Truppen der Achse, die möglicherweise auf ihrem Rückzug versuchen könnten, über die Schweiz zu entkommen.(15)
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